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Literatur
Ein Leben zwischen Politik und Selbstfindung

Eva Weissweiler (rechts) signiert „Lady Liberty - Das Leben der jüngsten Marx-Tochter Eleanor“.
Eva Weissweiler (rechts) signiert „Lady Liberty - Das Leben der jüngsten Marx-Tochter Eleanor“. FOTO: Margaretha Müller / Volksfreund
Trier. Eva Weissweiler stellt in Trier Werdegang und Werk der jüngsten Tochter von Karl Marx vor. Das wirft auch ein neues Licht auf den weltbekannten Philosophen.

„Lady Liberty - Das Leben der jüngsten Marx-Tochter Eleanor“: Diese Biografie liegt in einer aktualisierten Neuauflage vor. Zu ihrer Vorstellung hielt die Autorin des Buchs, Eva Weissweiler, im Trierer Karl-Marx-Haus einen zweistündigen Vortrag mit dem Titel „Lady Liberty - Die Frauen-, die Juden- und die Klassenfrage – Leben und Werk von Eleanor Marx“.

Die Referentin entführte ihre Zuschauer in die Welt des 19. Jahrhundert in England. In die Welt des Gesellschaftstheoretikers Karl Marx und seiner familiären Umstände – vor allem aber in die Welt von Jenny Julia Eleanor Marx, genannt Tussy.

Kindheit und Jugend: Das sechste Kind der Familie Marx wird am 15. Januar 1855 geboren, in eine Welt ohne Glamour und Chic, in einem Emigrantenviertel, das Hunger, Dreck und Armut beherbergt. Tussy ist trotz alledem ein fröhliches Kind. Mit gerade mal drei Jahren beschließt sie nach eigenen Worten, „ein Junge, ein Kämpfer, ein Held, der die Familie rettet“ zu werden. Schon von Kindesbeinen an unterstützt sie die Arbeit ihres Vaters, laut Referentin „mit ihrer Fröhlichkeit, ihrem naiven Geplapper, ihren witzigen Einwänden und Fragen“. In Zeiten des Amerikanischen Bürgerkriegs versucht die kleine Tussy bereits ihren Beitrag zu leisten. „Sie möchte die Sklaven befreien, sich einschiffen, mitkämpfen“, erklärt Eva Weissweiler. Als Tussys Großmutter in Trier stirbt, zieht die Familie von dem Erbe in ein besseres Viertel. Heute berühmte Gedanken und Forderungen finden in dieser Zeit ihren schöpferischen Ursprung. „Vor allem die epochale Forderung: ,Proletarier aller Länder vereinigt euch!’“Die junge Frau sucht sich mit 18 Jahren ihren ersten Job an einem Mädchen-Pensionat, in dem sie trotz fehlender Schulbildung dank ihrer Sprachbegabung unterrichten kann. Später lernt Tussy sogar norwegisch, um Bücher übersetzen zu können. Mit ihrer Übersetzung von Flauberts gesellschaftskritischem Roman „Madame Bovary“ schafft sie ein Standardwerk. Bei der Korrespondenz zwischen Eleanor und Wilhelm Liebknecht geht es so gut wie immer  um den „Klassenkampf in Großbritannien“. Ihre Sprache hierzu ist drastisch und klar: „Opfer der modernen Produktion, gemordet durch das Kapital!“, so beschreibt sie den Tod verunglückter englischer Bergleute. 1871, nachdem Bismarck den Reichstag aufgelöst hat, ist Tussy um ihre Freunde in Deutschland besorgt und erlebt mit, wie sich viele Flüchtlinge bei ihrem Vater einfinden: „Alle, besonders die Herren, sind begeistert von Tussy, (...) obwohl sie raucht, trinkt und meistens leicht vernachlässigt gekleidet ist.“

Erwachsene Tussy: Eduard Bernstein schreibt in seinen Erinnerungen: „Eleanor Marx war im Jahr 1880 ein blühendes, junges Mädchen von 24 Jahren. Mit (...), einer äußerst wohlklingenden Stimme, ungemein lebhaft, (...) nahm in sehr temperamentvoller Weise an unseren Unterhaltungen über Parteiangelegenheiten teil.“ Mit 27 Jahren spürt sie, dass sie sich aus der engen Bindung mit ihrem Vater lösen muss: „Es macht mich halb wahnsinnig, hier zu sitzen, während vielleicht meine letzte Chance, etwas zu tun, dahingeht. Ich bin nicht gescheit genug, um ein rein intellektuelles Leben zu führen, aber auch nicht stumpfsinnig genug, um mich mit Nichtstun zufrieden zu geben.“

Politisches Wirken: Nach dem Tod ihrer Eltern ist Tussy auf sich gestellt und lernt Edward Aveling kennen, bekannt als Rumtreiber und unehrlicher Widerling. Er wird prägend für Tussy Marx’ Schicksal. Sie schreibt für seine Zeitung eine Biografie über ihren Vater: „Karl Marx wurde am 5. Mai 1818 als Sohn jüdischer Eltern in Trier geboren.“ Nüchtern beschreibt sie seine Schulzeit in Trier und seinen weiteren Lebensweg. Erst im letzten Satz wird sie etwas persönlicher: „Es ist nicht meine Aufgabe, über seinen großen Charakter, seine enorme Belesenheit, seinen Humor, seine Warmherzigkeit und seine Hilfsbereitschaft zu sprechen.“

Tussy wird wichtig für die Frauenbewegungen in aller Welt. Auf ihrer Amerika Reise begeistert Tussy mit ihren Reden: „Man sieht in ihr eine Art Freiheitsstatue und nennt sie liebevoll Lady Liberty“, berichtet die Biografin. Doch das maßlose Verhalten ihres Geliebten Aveling in Amerika überschattet die Reise und schadet auch Tussy. Freunde wenden sich ab, und ihr Name als Tochter von Karl Marx wird langsam ruiniert. Mit ihrer Arbeit für die Frauenbewegung zeigt sich die Ambivalenz zwischen ihren eigentlichen Bedürfnissen und der unterdrückenden Beziehung mit Aveling. Tussy schafft es nie, sich wirklich von ihm zu lösen. „Mein Vater sagte immer, dass ich eher ein Junge als ein Mädchen wäre. Es war Edward, der das Weibliche in mir geweckt hat.“

Jüdische Wurzeln und Tod: Als Tussy sich auf ihre jüdische Herkunft besinnt, lernt sie jiddisch und kämpft nun auch für die Juden. Als „our mother“ (unsere Mutter) bezeichnet, entsteht um Tussy „eine regelrechte jüdische Gewerkschaftsbewegung“. Tussy  wird zu Kongressen entsandt und kommt mit Sozialisten aus aller Welt zusammen. Nach dem zermürbenden Kampf um den Nachlass ihres Vaters zieht sie in ein kleines Haus mit Garten, wo sie „zur Ruhe kommen“ will, erklärt Weissweiler. Mit 43 Jahren bringt sich Marx schließlich um, trotz politischer Erfolge und ihrer besseren Lebensumstände. „Als Gründe wurden später ihre Neigung zur Depression, ihr vergeblicher Kampf um den väterlichen Nachlass und vor allem ihre Beziehung zu Aveling genannt, der eine junge Schauspielerin geheiratet hatte, (…), ohne sich deshalb von Tussy, die ihn zu ihrem Alleinerben gemacht hatte, zu lösen.“