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Benefizaktion
Noch viel höher als der Mount Everest (Bilder und Video)

Euphorie pur nach Runde 62. Ulrich Rose hat es geschafft.
Euphorie pur nach Runde 62. Ulrich Rose hat es geschafft. FOTO: Rainer Neubert
Trier. Weit mehr als 1000 Menschen waren am Samstag dabei, als Extremsportler Ulrich Rose die steilste Straße Triers 62-mal bezwungen hat. Die Benefizaktion des Vereins KCNQ2 begeisterte trotz des ernsten Hintergrunds. Von Rainer Neubert
Rainer Neubert

Als Ulrich Rose um 8.30 Uhr am Samstag auf sein Profi-Mountainbike steigt, ist ihm die Anspannung anzumerken. Mit blauem Pflasterband sind seine Beine getaped – die Namen der bekannten KCNQ2-Kinder in Deutschland hat er sich mit Edding auf beide Schienbeine schreiben lassen. 234-mal hatte der 37-Jährige im Rahmen seiner wochenlangen Vorbereitungen die 1000 Meter des Kuhwegs bereits bewältigt, einmal sogar 32-mal in Folge. Dass die doppelte Distanz möglich sein würde, glaubt er zwar fest. Ein leiser Zweifel ist trotz der im Training gesammelten 80 000 Höhenmeter geblieben, besonders in Bezug auf das selbst gesetzte Zeitlimit von elf Stunden. „Ich bin froh, dass es endlich losgeht“, gibt Rose dann auch zu und macht sich unter dem Applaus der zu dieser frühen Stunde nur wenigen Zuschauer auf die bis zu 25 Prozent steile Steigung hinauf auf den Markusberg. 

Dort, beim Wendepunkt, warteten zumindest in den ersten vier Stunden dieses langen Tages seine Frau Tanja und Sohn Benni (5), um ihn aufzumuntern. „Ich bin zu schnell“, ruft er ihnen bei der fünften Runde zu. „Wenn ich so weiterfahre, bin ich in neun Stunden fertig.“

Dass die Acht-Minuten-Runden nicht von Dauer sein würden, weiß er zu diesem Zeitpunkt aber selbst. Und so fehlt am späten Vormittag tatsächlich ein wenig der Motivationsschub durch Zuschauer an der Strecke, um das Tempo so hoch zu halten. Doch spätestens als Clown Lolek auf dem Festgelände nahe der Kirche Christ König um die Mittagszeit den Reigen der Live-Darbietungen einläutet, gibt es auch an der Strecke den erhofften Zuspruch reichlich.

Everesting 2018 in Trier FOTO:

„Was Ulrich da leistet, ist unvorstellbar“, betont der auch von der Resonanz zunehmend begeisterte Sebastian Bethge. Der Vater des an der Generkrankung KCNQ2 erkrankten Sepp (2) ist Vorsitzender des Vereins, der ein weltweites Selbsthilfenetz für die Eltern der meist mit heftigen epileptischen Anfällen und starken Entwicklungsstörungen betroffenen Kinder aufbauen will.

Sechs betroffene Familien sind aus ganz Deutschland, Belgien und Tschechien gekommen, um bei dem sportlichen und gesellschaftlichen Event dabei zu sein. Vor allem aber haben sie sich darauf gefreut, sich untereinander austauschen zu können. „Was die Familie Bethge da auf die Beine gestellt hat, ist toll“, lobt nicht nur Michaela Weberpals, die mit ihrem Mann Frank und dem kleinen Korbinian (4) aus Regensburg angereist ist. Auch Jana und Marek Juran freuen sich über die Begeisterung rund um die Veranstaltung. „Vor allem wichtig für uns ist aber die Inspiration und der Austausch mit den anderen Eltern“, sagt die Mutter von Jachyn (1). Die Familie ist mehr als 1000 Kilometer aus dem Osten Tchechiens nach Trier gefahren.

An der Strecke geht der Geräuschpegel immer dann hoch, wenn Ulrich Rose mit einem Affenzahn und angesichts der Dauerbeanspruchung quietschenden Bremsen den Berg herunterrauscht, danach, tief über den Lenker gebeugt, in kleinster Übersetzung das 25 Prozent steile Stück bis zur ersten Kurve hinaufkurbelt und dabei darauf achten muss, dass nicht das Vorderrad vom Boden abhebt.

So nähert sich die Nummernfolge, die nach jeder Runde im Startbereich geändert wird, unablässig der 62. Nach acht Stunden im Sattel und martialischer Dauerbelastung ist Ulrich Rose die Anstrengung deutlich anzusehen. Dennoch nutzt er das bewusste Spiel in Gesten und Mimik mit dem Publikum, um sich selbst zu motivieren.

Schrecksekunde dann am Ende von Runde 58: Rose steigt vom Rad ab und umarmt den verblüfften Sebastian Bethge. Doch es ist nicht die befürchtete Aufgabe. „Ich habe jetzt 8848 Höhenmeter auf dem Tacho. Aber ich mache die fehlenden Runden noch voll.“ Spricht’s und radelt wieder in den Steilhang.

Als um 18.20 Uhr dann die letzte Runde unter dem Jubel von Hunderten begeisterten Zuschauern bewältigt ist, gibt es kein Halten mehr. Weniger als elf Stunden für 124,6 Kilometer und 9549 Höhenmeter. 10:34:14 Stunden Fahrtzeit. Das Everesting 2018 ist geglückt – und wie!

Infos zum Verein KCNQ2 gibt’s auf der gleichnamigen Homepage im Internet unter www.kcnq2.de