| 06:53 Uhr

Schule
Unterrichtsausfall in Trier und Umland: Wenn der Lehrer wieder mal krank ist

Zwei Schülerinnen schreiben im Deutschunterricht in ihre Hefte.
Zwei Schülerinnen schreiben im Deutschunterricht in ihre Hefte. FOTO: Daniel Bockwoldt / dpa
Trier. Der Unterricht in Rheinland-Pfalz läuft nach Ansicht des Mainzer Bildungsministeriums super. Doch die meisten Ausfälle tauchen gar nicht in der Statistik auf. Viele Eltern in Trier und Trier-Saarburg sind auf den Barrikaden. Von Jörg Pistorius
Jörg Pistorius

Die immer wieder guten Nachrichten aus der Landeshauptstadt Mainz und die Situation vor Ort widersprechen einander deutlich. Bildungsministerin Stefanie Hubig hat im Dezember betont, die Unterrichtsversorgung in Rheinland-Pfalz habe sich ein weiteres Mal verbessert. Die Gymnasien erreichen ihrer Darstellung nach 98,6 Prozent, die Grundschulen sogar 99,4 Prozent (der TV berichtete).

Doch betroffene Schüler und Eltern schildern die Lage vollkommen anders. Viele sehen eine Masse an Ausfällen und Vertretungen und fürchten um das, was nach Ansicht von Ministerin Hubig optimal vorbereitet werde: die berufliche Zukunft.

Die Probleme Die Mutter eines Trierer Gymnasiasten berichtet, der Französischunterricht ihres Sohnes sei acht Wochen lang ausgefallen. „Wie soll denn dann noch der Lehrplan eingehalten werden?“, fragt sie. Ein Schüler aus dem Landkreis Trier-Saarburg erzählt, an seinem Gymnasium sei es der Normalfall, dass ein bestimmter Englischkurs ausfalle. „Wir haben deshalb extra eine Whatsapp-Gruppe gegründet, in der jedes Mitglied benachrichtigt wird.“ Und zwar dann, wenn der Kurs ausnahmsweise stattfindet. „Wenn keine Nachricht kommt, gehen alle Betroffenen davon aus, dass er wieder ausfällt.“

Ein Oberstufenschüler sagt: „Bei uns werden Stunden, in denen der Lehrer nicht kommt, dann oft als reguläre Stunden gezählt, in denen wir selbstständig arbeiten. Das heißt dann offiziell AOL oder Arbeiten ohne Lehrer.“ Die Ausfälle betreffen auch die Abiturprüfungen. „Wir haben im Januar das Biologie-Abitur geschrieben“, sagt ein Oberstufenschüler. „Aber meinen Biolologielehrer habe ich zum letzten Mal Mitte Dezember gesehen.“

Die Chefin Brigitte Fischer, Leiterin der Abteilung Schulen bei der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD), trägt die Verantwortung für 1600 Schulen und mehr als 41 000 Lehrer in der Großregion. Zusammen mit Pressesprecherin Eveline Dziendziol erläutert sie die Lage.

Die Ausfälle Jedes Jahr veröffentlicht das Bildungsministerium Rheinland-Pfalz die „Daten zur Unterrichtsversorgung“. Laut diesem Papier fielen im Schuljahr 2016/2017 an allen Schulen im Landkreis Trier-Saarburg insgesamt 147 Stunden aus.  Der größte Teil, 86 Stunden, wurde bei den Gymnasien in Hermeskeil, Konz, Saarburg und Schweich verbucht. In der Stadt Trier steht ein Minus von 308 Stunden unter der Rechnung des Schuljahrs 2016/2017. Den größten Anteil daran tragen die fünf Förderschulen mit 132 Stunden.

Aber Achtung: Das sind nur die Ausfälle in der sogenannten strukturellen Unterrichtsversorgung, die angibt, zu wie viel Prozent das Lehrerwochenstunden-Soll, das die Schulaufsicht vor Beginn eines Schuljahres ermittelt und festlegt, voraussichtlich erreicht wird. Temporäre Ausfälle während des laufenden Schuljahres, die sich von Woche zu Woche ändern und oft weder planbar noch vorhersehbar sind, tauchen weder in den „Daten zur Unterrichtsversorgung“ noch in einer anderen Statistik auf. Das bestätigt auch der Landeselternbeirat (siehe Info).

Der Unterricht „Man muss unterscheiden zwischen dem Pflichtunterricht und dem Differenzierungsunterricht“, erläutert Brigitte Fischer, die Schulchefin bei der ADD. In Rheinland-Pfalz werden – anders als in anderen Bundesländern – bei der Festlegung des Stundensolls der Schulen nicht nur die Pflichtunterrichtsstunden nach den jeweiligen Stundentafeln berücksichtigt, sondern auch zusätzlich Differenzierungs- und Förderangebote eingerechnet.

Fischer erläutert die Priorität: „Die Kinder sollen ihre Pflichtstunden haben.“  Die Differenzierungsstunden sollen zum Wiederholen und Intensivieren dienen – und sie sollen und müssen nicht immer komplett von einem Lehrer direkt überwacht werden. Doch der Übergang zwischen beiden Unterrichtsformen sei fließend. „Wir wollen die Schüler schließlich auch an das selbstständige Arbeiten heranführen, das sie auf der Uni und später im Beruf brauchen werden“, sagt die Chefin aller Schulen der Region.

Die Krankmeldungen Für jede Schulart gibt es Formeln, mit denen das sogenannte Lehrerwochenstundensoll ermittelt wird. Bei der Stundenplanung sind die Schulen gehalten, in erster Linie den Pflichtunterricht und erst danach zusätzliche Angebote abzudecken. Diese Berechnungen sind die Basis der Personalzuweisungen durch die ADD, doch sie laufen natürlich vor dem Beginn des betreffenden Schuljahres und orientieren sich an den zu erwartenden Schülerzahlen. Wenn das Schuljahr bereits läuft, wird es schwierig, Plan- oder Vertretungsstellen zu besetzen – das räumt die Landesbehörde ein.

„Nehmen wir mal an, ein Lehrer ist für eine Woche krankgeschrieben“, sagt Brigitte Fischer. „Dann ruft er am Montagmorgen der folgenden Woche an und sagt, es sei leider nicht besser geworden.“  In Ausnahmefällen könne ein Ausfall über mehrere Wochen tatsächlich vorkommen, räumt sie ein. „Der ist dann über vier Krankmeldungen verteilt.“

Fischer nimmt auch Stellung zum acht Wochen lang ausgefallenen Französischlehrer. „Dann übernimmt zum Beispiel der Deutschlehrer die entstehenden Freiräume und macht seinen Unterricht. Sobald der  Kollege vom Fach Französisch wieder da ist, setzt er seinen Unterricht fort und nutzt dafür auch die Freiräume, die der Deutschlehrer dann nicht mehr braucht.“

Die Lehrer „Alle Planstellen sind zurzeit besetzt“, sagt Dziendziol. „Was allerdings wiederum nicht heißt, dass alle Lehrer auch ihren Dienst versehen werden.“ Wenn jemand in Elternzeit gehe, sei die Planstelle zwar besetzt, müsse allerdings durch eine Vertretungskraft ersetzt werden.

Aktuell gebe es im Landkreis Trier-Saarburg 29 Vertretungsverträge im Bereich der Grundschulen, neun bei den Realschulen plus und 19  bei den Gymnasien und Gesamtschulen. In der Stadt Trier sind es nur neun Vertretungsverträge bei den Grundschulen, acht bei den Realschulen plus und 34 bei den Gymnasien und Gesamtschulen.

Laut aktuellen Daten des statistischen Landesamts arbeiteten in der Stadt Trier im Schuljahr 2016/2017 insgesamt 1040 hauptamtliche und 153 nebenberufliche Lehrkräfte, dazu kommen weitere 110 pädagogische Fachkräfte. Im Landkreis Trier-Saarburg waren es 1113 hauptamtliche und 135 nebenberufliche Lehrer plus 67 pädagogische Fachkräfte.

 

Der Frust Fischer verbirgt nicht, dass Personalplanung im Schulbereich ein nicht zu unterschätzendes Frustpotenzial hat. „Wenn man denkt, man habe alles eingetütet, kann man noch einmal von vorne anfangen.“ Auch Schwangerschaftsvertretungen seien ein fester Bestandteil der Planungen, „denn der Lehrerberuf ist mittlerweile weiblich“. Jede einzelne Schule hat ein Vertretungskonzept, erklären Fischer und Dziendziol. Überraschende Ausfälle können aber jedes Kollegium an seine Grenzen führen. Fischer räumt ein: „Dieses Thema muss transparenter werden, Schulen und Eltern müssen mehr miteinander sprechen.“

Der Kommentar: Schöngerechnet!

Von Jörg Pistorius

Es wirkt wie Satire. Mainz versendet jährlich Jubelmeldungen über eine großartige und immer weiter steigende Unterrichtsversorgung in Rheinland-Pfalz und belegt diesen Jubel mit Statistiken, in denen tatsächlich nur geringe Ausfallzahlen stehen. Doch diese Statistik über die „strukturelle Unterrichtsversorgung“ bildet die Realität an den Schulen nicht im Mindesten ab, denn sie zeigt nur die vor Beginn des betreffenden Schuljahrs bereits absehbaren Defizite. Vor Ort erleben Schüler jedoch regelmäßige Ausfälle von der Grundschule bis zum Abitur. Ausfälle, die von keiner regionalen oder landesweiten Statistik erfasst werden. Ausfälle, die den Schülern und dem Lehrplan massiv schaden.

Das ist absurd. Das Land ist in der Pflicht, die offensichtlichen Probleme in der Unterrichtsversorgung auf den Tisch zu legen. Statistisches Schönrechnen führt total in die Irre und schürt Konflikte. Die massiven Probleme im Bildungssektor, darunter auch der miserable Zustand vieler Schulgebäude, müssen endlich eine höhere politische Priorität erhalten.

j.pistorius@volksfreund.de

Liebe Leserinnen und Leser, wie erleben Sie die Situation vor Ort? Müssen Ihre Kinder ebenfalls mit vielen Unterrichtsausfällen zurechtkommen? Bitte schreiben Sie uns an die Adresse echo@volksfreund.de oder kommentieren Sie auf Facebook.