Friedenssehnsucht im Bombenhagel

Vor mir liegt mein Tagebuch, das ich 1939 mit 14 Jahren begann und bis zum Kriegsende 1945 führte. Einer der Tiefpunkte in unserem Leben während des Krieges waren die Tage um Weihnachten 1944. Nahe am bedeutendsten Güterbahnhof im Westen gelegen - in Ehrang - befand sich unser Wohnhaus; da war auch ein Hauptziel der alliierten Bombengeschwader und Jagdflieger.

Das bedeutete, dass wir besonders in der letzten Phase des Krieges Tage und Nächte im Keller oder in einem in den Kanzelberg gehauenen Stollen verbringen mussten. Entgegen dem von der Kreisleitung ergangenen Räumungsbefehl waren einige Trierer und fast alle Bewohner der nördlichen Vororte geblieben. Es kam die letzte Adventswoche vor dem Weihnachtsfest 1944. Festvorbereitungen waren getroffen. Ein Christbaum stand im Wohnzimmer und wartete auf Glitzer und Kerzen. Trotz verheerender Bombenangriffe auf die Stadt Trier, auf Konz, Pfalzel, Quint und Ehrang wollten wir das Christfest feiern. Die Nächte waren tief dunkel, denn kein Lichtstrahl durfte ja nach draußen dringen. So wollten wir doch wenigstens - wenn die Flieger es uns erlaubten - im Wohnzimmer ein tröstliches Kerzenlicht haben. Doch schon der 23. Dezember zeigte uns, dass es kein Pardon gab. Ich arbeitete als Kindermädchen bei einer Familie in der Niederstraße. Die Sirenen heulten gegen Mittag auf, und ich sorgte dafür, dass die Kinder in den Keller kamen, wie ich selbst auch. Bald schon erdröhnte die Luft von Bombergeschwadern, alsbald schwankte der Boden vom Aufprall der Bomben, immer neue Staffeln schienen heranzufliegen; mir war klar, dass nicht das Dorf Ehrang, sondern der Bahnhof Ziel des Angriffs war, aber nicht nur Gleise, Brücken, Häuser wurden zerstört, auch Menschen wurden getötet. Und meine Eltern? Waren sie noch rechtzeitig in den Stollen unter dem Kanzelberg gelangt? Wie quälend waren die Gedanken! Als endlich das Inferno worüber schien, stieg ich auf den nahen Eisenbahndamm, um einen Überblick zu gewinnen. Aber dichter, schwarzer Qualm, dahinter lodernde Flammen waren alles, was sich den Blicken bot. Das Ortszentrum war verschont geblieben. Ich eilte nach Hause, fand unser Haus schwer beschädigt, unzählige Bombentrichter ringsum. Aber meine Eltern konnte ich unversehrt in die Arme schließen. Sie waren mir das Kostbarste! Auch unsere Nachbarn hatten Glück im Unglück, konnten sie doch lebend aus ihren total zerstörten Häusern geborgen werden. Nun mussten wir, wie ja alle Bewohner des Bahnhofsviertels, eine neue Bleibe finden. Wir packten die wichtigsten Sachen auf einen Handwagen, ließen unsere Hühner und eine Gans mit Bedauern zurück und fuhren zu guten Freunden in die Friedhofstraße, wo wir wenigsten für die erste Nacht unterkommen konnten. Obwohl schon eine andere Familie dort eine Zuflucht gefunden hatte, wurden wir herzlich aufgenommen. Gemeinsam wurde gegessen und für das Nachtlager gesorgt. Die Gespräche verhalfen indessen auch etwas, sich den Kummer von der Seele zu reden. Als wir später, am Tag danach, vor dem brennenden Christbaum saßen und man ein Lied anstimmte, versagte die Stimme. Mein Vater ging still hinaus. Ich schaute auf die Krippe, sah das Kind auf Stroh gebettet, von der Mutter liebevoll betrachtet. Ein milder Trost strömte in mein Herz. Gottes Liebe zu uns Menschen war so groß, dass er uns Jesus sandte, der Frieden bringen wollte. Gewiss würde auch für unser Volk der Friede wieder kommen, wenn wir nur an ihn glaubten. Dass Frieden unter den Menschen das größte Glück bedeutet, weiß ich seit damals. Man muss auch darum beten! Anita Greisler, geb. 1925 Oberstudienrätin a.D., Trier

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