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Für die Glocke schlägt das letzte Stündlein

Schock-Nachricht aus der Gastronomie: Die Glocke, Triers dienstältestes Wirtshaus und seit 1928 Familienbetrieb, schließt Ende März. Die Besitzerfamilie will das unter Denkmalschutz stehende Haus Glockenstraße 12 wegen eines enormen Sanierungsstaus verkaufen. Von unserem Redakteur Roland Morgen

Trier. Es ist genau ein Jahr her, dass der TV von der neuen Ära in der Glocke berichtete. Oswald Steines hatte damals die Traditionsgaststätte übernommen und damit die 1928 eingeläutete Familientradition gerettet. Steines (38), Ehemann von Josef Berens' Nichte Sylvia (34), hatte Großes vor. Er wollte wieder an die guten alten Zeiten anknüpfen, die mit dem Tod des legendären "Glocken-Jupp" (1949 bis 2003) endeten. Wohlweislich kündigte Steines an, erst nach einem Jahr Bedenkzeit zu entscheiden, ob er den Betrieb komplett übernehmen werde, sprich: auch die auf Berens' ältere Schwester Annemarie Simon (69) laufende Konzession. Nun ist das Jahr vorbei und damit ebenso der Traum von der rosigen Zukunft der Glocke. "Wir schließen die Gaststätte am 31. März. Das Haus wird verkauft", sagt Steines und fügt hinzu: "Dieser Entschluss ist uns allen sehr schwergefallen, aber es führt kein Weg daran vorbei."

"Uns alle" - dazu gehören auch die beiden anderen Geschwister von Josef Berens, Rosel Thiesen und Michael Berens. Der Familienrat habe 2010 "sehr oft getagt", bestätigt Michael Berens (64), und schließlich die Notbremse ziehen müssen, "da der Investitionsstau im Haus derart hoch geworden ist, dass er aus den laufenden Erträgen nicht gedeckt werden kann."

Diese Auffassung trägt Oswald Steines "voll und ganz mit. Es ist die einzig vernünftige Entscheidung, die Gaststätte zu schließen und das Haus zu verkaufen."

Auch wenn in den zurückliegenden Jahren viel Geld ins Anwesen Glockenstraße 12 investiert worden sei, müsste man nun noch mal "eine hohe sechsstellige Summe reinstecken", um es heutigen Anforderungen anzupassen und den Speisegaststättenbetrieb fit für die Zukunft zu machen. "Und damit hätten wir nur das Nötigste getan und nicht etwa eine Luxussanierung finanziert", sagt Michael Berens, von Beruf Denkmalpfleger des Eifelkreises Bitburg-Prüm.

Die Erbengemeinschaft Berens hat die Immobilienabteilung der Volksbank Trier mit der Käufersuche beauftragt. "Eine schwere Sache für uns, denn schließlich ist es unser Elternhaus", sagt Berens. Er sieht nur "eine ganz klitzekleine Chance", es in Familienbesitz zu halten: "Wenn ich groß im Lotto gewinne, dann weiß ich einen guten Verwendungszweck." Oswald Steines hegt da keine große Hoffnungen. Der gelernte Diplom-Pädagoge und Betriebswirt hat seinen Mitarbeitern fristgerecht gekündigt und sich gleich selbst arbeitssuchend gemeldet. Bis zum 31. März will er Vollgas geben: "Der Betrieb lief unter meiner Federführung sehr gut. So soll es auch weitergehen. Ich will als letzter Glockenwirt in positiver Erinnerung bleiben und nicht als jemand, der lustlos die Tage abgespult hat. Das wäre eine Beleidigung für die drei Vorgängergenerationen Berens."

Die Glocke ist schon seit 1803 Gasthaus und hieß ursprünglich "Zur wilden Gans". Sie steht auf geschichtsträchtigem Boden: Die Südwand des Kellers bildet die mehr als 1000 Jahre alte Helenenmauer, die einst die Domstadt umgab.