| 17:28 Uhr

Handel
Globus steht im Gegenwind

Das Publikum geht voll mit: Experten aus Politik und Wirtschaft, hier im Bild der für die Grünen im Stadtrat sitzende Einzelhändler Richard Leuckefeld, melden sich zu Wort.
Das Publikum geht voll mit: Experten aus Politik und Wirtschaft, hier im Bild der für die Grünen im Stadtrat sitzende Einzelhändler Richard Leuckefeld, melden sich zu Wort. FOTO: Friedemann Vetter
Trier. Ein neuer Lebensmittelmarkt im Industriegebiet Euren und generell die Zukunft der Trierer Innenstadt prägen eine intensive Diskussion im vollen Kasino am Kornmarkt. Von Jörg Pistorius
Jörg Pistorius

Max Monzel ist Geschäftsführer des Zweckverbands Abfallwirtschaft in der Region Trier (ART) und erst seit November 2017 auch Vorsitzender der CDU Trier. Die Mischung aus Sarkasmus und Provokation, mit der er die Podiumsdiskussion „Handel im Wandel“ am Montagabend im Kasino moderiert, ist deshalb vielen Zuhörern noch neu.

Monzel nutzt seine gespielt aggressive Moderationstechnik („Ist doch alles nicht so wild“), um seine vier Experten auf dem Podium und die mehr als 200 Gäste zu befeuern. Das gelingt ihm. Zwei Stunden lang setzt eine zentrale Frage jede Menge Adrenalin frei: Globus ja oder nein?

Die Fakten: Der saarländische Globus-Konzern will im Industriegebiet Euren/Zewen direkt an der Luxemburger Straße für 40 Millionen Euro einen neuen Markt mit einer Verkaufsfläche von 10 000 Quadratmetern bauen (der TV berichtete mehrmals). Doch das lassen weder das aktuell geltende Baurecht noch das vor drei Jahren beschlossene Einzelhandelskonzept zu, das großen Einzelhandel mit zentrenrelevantem Sortiment nur innerhalb des Alleenrings erlaubt. Der Stadtrat muss entscheiden: Halten wir an unserem Konzept fest oder werfen wir es angesichts eines derart attraktiven Investors um, und den Bebauungsplan gleich mit?

Mit dabei am Montagabend  ist das Who’s Who der Trierer Wirtschaft. Auf dem Podium sitzen die Chefs  der Industrie- und Handelskammer, der Handwerkskammer und des Einzelhandelsverbands sowie Professor Bernhard Swoboda von der Uni Trier.

Im Publikum nehmen viele Unternehmer an der Debatte teil, darunter Kai Leonhardt (Fleischerei Martin), Gerd Guillaume (Guillaume Mode), Peter Terges (Winzervereinigung Olewig), Peter Leyendecker (Holzland Leyendecker) und Theresia Sanktjohanser, die mehrere Edeka-Märkte betreibt. Die Mehrheit sieht die Globus-Pläne sehr kritisch.

Alfred Thielen ist Geschäftsführer des Einzelhandelsverbands Trier. Er ist ein Kritiker der Globus-Pläne und ein Verfechter des Einzelhandelskonzepts. „Dieses Konzept kann uns den Weg in die Zukunft zeigen, so dass wir auch in zehn Jahren noch eine Innenstadt haben, um die uns alle beneiden.“ Die Stadt möge nicht nur auf die Gewerbesteuer schielen, der Schutz der Innenstadt müsse Priorität haben.

Matthias Schwalbach, der Geschäftsführer der Handwerkskammer Trier, formuliert es noch konkreter: „Es kann doch nicht sein, dass ein wichtiges Werk wie das Einzelhandelskonzept nur noch Altpapier ist, sobald ein großes Unternehmen kommt und alles anders haben will.“ Das Publikum applaudiert. „Eine starke grüne Wiese lässt eine Innenstadt veröden.“

Mit Spannung wartet die Politik- und Wirtschaftsszene Triers auf zwei Gutachten, die im September fertig werden sollen. Eines hat der Globus-Konzern in Auftrag gegeben, eines die Stadt Trier. Beide sollen die Frage klären, ob und wie ein neuer Globus-Markt nach Trier passt. Die Cima Beratung und Management GmbH  aus Köln hat die 2015 beschlossene Fortschreibung des Einzelhandelskonzepts im Auftrag der Stadt Trier erarbeitet, arbeitet aber jetzt für die Globus-Gruppe. Die Stadt Trier hat die Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA) mit der aktuellen Fortschreibung des Konzepts beauftragt.

Professor Swoboda sagt dazu: „Dieselbe Gesellschaft, die das Trierer Konzept entwickelt hat, macht jetzt ein Gutachten für die Globus-Gruppe, deren Pläne genau diesem Konzept widersprechen. Das muss man wissen.“

Auch Matthias Schmitt, der Geschäftsführer Standortpolitik der Industrie- und Handelskammer, steht hinter dem Einzelhandelskonzept. „Dieses Konzept ist gut und sinnvoll, und eine Ansiedlung in der von Globus geplanten Größenordnung widerspricht ihm.“

Monzel zieht ein Fazit. „Globus versteckt sich hinter einem Gutachten, das wir sowieso nicht verstehen werden. Ich möchte einen Expertenkreis bilden, um diese Problematik  offen zu diskutieren.“ Zustimmendes Nicken von allen Seiten. Alfred Thielen vom Einzelhandelsverband kündigt an: „Vielleicht machen wir auch ein eigenes Gutachten.“ Das wäre dann Nummer drei.

Die Fraktionen und Gruppierungen des Stadtrats werden die für September erwarteten Gutachten analysieren und dann entscheiden, ob sie die Ansiedlungspläne des Globus-Konzerns zulassen wollen. Wann diese Entscheidung fällt, steht noch nicht fest.

Kommentar

Der Markt ist nicht die wahre Gefahr

Die wahre Gefahr für die Trierer Innenstadt, ihre Schönheit und Attraktivität besteht nicht in einem neuen Globus-Markt auf der Eurener Flur. Triers echtes und hauptsächliches Problem ist der Verkehr. Ein Busticket, das nur wenige Kilometer weit reicht, aber dennoch drei Euro kostet. Enge Straßen, durch die sich der Schwerlast- und Parksuchverkehr quetscht. Zehntausende von Autos, die täglich um die weltberühmten römischen Bauten herumströmen. Fußgänger und Radfahrer, die zu Randgruppen herabgestuft werden, denn höchste Priorität hat der Fluss des Autoverkehrs.

Wer die Innenstadt dauerhaft schützen will, so dass sie auch noch in zehn Jahren ein Anziehungspunkt für jeden potenziellen Kunden zwischen Köln, Saarbrücken und Luxemburg ist, der muss diese Probleme angehen, politische Initiativen starten, nach Alternativen suchen und konkrete Pläne vorlegen. Hier muss die Politik Zeit und Energie investieren – nicht in die Analyse von Gutachten, die sowieso die Sicht des jeweiligen Auftraggebers widerspiegeln. Wer Globus verhindert, sollte sich nicht einreden, damit die Innenstadt gerettet zu haben.

j.pistorius@volksfreund.de

Experten auf dem Podium (von links): Matthias Schwalbach (Handwerkskammer), Professor Bernhard Swoboda (Uni Trier) und CDU-Chef Max Monzel. Nicht im Bild, aber ebenso energisch mit dabei sind Alfred Thielen (Einzelhandelsverband) und Matthias Schmitt (Industrie- und Handelskammer).
Experten auf dem Podium (von links): Matthias Schwalbach (Handwerkskammer), Professor Bernhard Swoboda (Uni Trier) und CDU-Chef Max Monzel. Nicht im Bild, aber ebenso energisch mit dabei sind Alfred Thielen (Einzelhandelsverband) und Matthias Schmitt (Industrie- und Handelskammer). FOTO: Friedemann Vetter