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Kultur
In Rauhnächten kommt die Wilde Jagd

Am Heidenstammtisch sind sie heute nur zu viert: Andreas Mang, Andreas Thieltges-Wallenborn, Dieter Tussing und Daniel Jäckels (von links).
Am Heidenstammtisch sind sie heute nur zu viert: Andreas Mang, Andreas Thieltges-Wallenborn, Dieter Tussing und Daniel Jäckels (von links). FOTO: Karin Pütz
Trier. Von wegen Atheisten! Die Mitglieder des Trierer Heidenstammtischs pflegen spezielle Bräuche.  Darüber hinaus wollen sie vor allem eins: mit Vorurteilen aufräumen. Von Karin Pütz

Diskutieren, philosophieren und gemütlich zusammensitzen: Die 15 Stammtischmitglieder zwischen 16 und 70 Jahren, die sich seit fünf Jahren einmal im Monat in einem Trierer Restaurant treffen, haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind Heiden.

Initiator Daniel Jäckels (37) liegt viel daran, mit Vorurteilen aufzuräumen und die Menschen aufzuklären: „Es handelt sich im Gegensatz zum Atheismus beim Heidentum um eine Religion. Allerdings haben wir kein Glaubensbekenntnis und keine Dogmen“, sagt er. Dass das Heidentum oft mit rechtem Gedankengut in Verbindung gebracht wird, wissen die Mitglieder des Stammtischs nur zu gut und wehren sich gegen dieses Stigma. Andreas Thieltges-Wallenborn (31) erzählt: „Aus der Schublade, wir seien „Nazi-Esoteriker“, kommt man schwer raus. Deshalb erzähle ich nicht jedem gleich, dass ich Heide bin.“

Er selbst hat nach der standesamtlichen Trauung auch heidnisch geheiratet. „Es gibt da kein festes Ritual, niemand, der sagt, dass es so oder so abgehalten werden muss.“ Daniel Jäckels fügt hinzu: „Das Heidentum ist sehr diesseitig, wir leben im Hier und Jetzt, auch wenn es bei uns auch beispielsweise Totengedenken gibt – wie im Christentum um den 1. November herum. Man besinnt sich darauf zurück, wo man herkommt. Wir setzen uns in schöner Runde zusammen und erzählen uns Geschichten über die Leute, die gegangen sind“, erzählt Dieter Tussing (50).

Bei ihm hat die Hinwendung vom Katholiken zum Heiden fast 20 Jahre gedauert. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es nicht nur eine Wahrheit gibt.“ Er glaubt an viele Götter. „Ich bin Polytheist, ob da ein Gott mehr oder weniger zuschaut bei meinem Leben, ist mir egal. Als Kind habe ich auch an Gott geglaubt, und er war viele Jahre für mich da. Dafür habe ich mich bedankt und offiziell von ihm Abschied genommen, weil ich eben auch an andere Götter glaube.“

Wie die anderen Heiden opfert er hin und wieder etwas, wenn zum Beispiel die Ernte gut ausgefallen oder etwas im Leben gut gelaufen ist. Dass es sich dabei nicht um lebende Tiere handelt, betont Tussing deutlich und führt ein Beispiel auf: „In früheren Zeiten wurde ein Wildschwein geopfert, heute backen wir ein Brot in Form eines Wildschweins. Und für Verstorbene wird ein sogenannter Ahnenteller mit Speisen auf den Tisch gestellt.“

Die meisten der Rituale und Bräuche haben sich aus bäuerlichen Traditionen entwickelt, wie Tussing sagt: „Zum Ende des landwirtschaftlichen Sommers gibt es die Herdfeuerzeit, in der man sich besinnt, und im Frühjahr werden die Wintergeister vertrieben.“ Erntedank und Karneval lassen grüßen.

Doch an was glauben Heiden in der Weihnachtszeit? Für den zweifachen Familienvater Daniel Jäckels hat Weihnachten durchaus eine Bedeutung: „Wir feiern nicht Christi Geburt, sondern die Idee hinter dem Fest, nämlich Besinnlichkeit und Familienzeit.“ Seine Frau gehöre nicht dem Heidentum an, was aber kein Problem sei: „Ein Heide missioniert nicht, man respektiert sich gegenseitig.“ Statt Heiligabend sind für Heiden die sogenannten „Rauhnächte“ von besonderer Bedeutung. In diesen zwölf Nächten vom 21. Dezember an, so heißt es, zieht ein Geisterheer aus Verstorbenen – die „Wilde Jagd“ – durch die Lande. In ländlichen Gegenden wird heute noch in diesem Zeitraum keine weiße Wäsche auf die Leine gehängt. Der Mythos besagt, dass sich die Reiter der Wilden Jagd in den Betttüchern verfangen und diese im Laufe des Jahres aus Zorn als Leichentuch für die Besitzer verwenden würden.

Wer sich für die Traditionen, Mythen und Bräuche des Heidentums interessiert, kann sich auf der Website des Heidenstammtischs einlesen. „Aufgeschlossene Menschen sind bei uns willkommen“, sagt Daniel Jäckels.

Weitere Infos: www.heidenstammtisch-trier.de