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In Pfalzel liegt wieder was in der Luft - Neue Beschwerden über Gestank der Firma Eu-Rec

Die Firma Eu-Rec im Trierer Hafen recycelt Kunstsoffmaterial. Geschaseftsfuehrer Willi Streit hat eine neue Wasser-Reinigungsanlage installiert damit die Anwohner nicht von Geruechen belastet werden. TV-Foto: Friedemann Vetter
Die Firma Eu-Rec im Trierer Hafen recycelt Kunstsoffmaterial. Geschaseftsfuehrer Willi Streit hat eine neue Wasser-Reinigungsanlage installiert damit die Anwohner nicht von Geruechen belastet werden. TV-Foto: Friedemann Vetter FOTO: Friedemann Vetter
Trier. Nach gut fünf Monaten Ruhe ärgern sich die Pfalzeler wieder über stinkende Abluft, die von der Recyclingfirma Eu-Rec herüberwabert. Der Geruch sei zwar schwächer als voriges Jahr. Aber die Anwohner haben Angst, dass es wieder schlimmer werden könnte. Das Gesundheitsamt hat Filter aufgehängt, um möglichen Schadstoffen auf die Spur zu kommen. Christiane Wolff

Trier. Nein, so schlimm wie im vorigen Sommer und Herbst, als die Kita die Kinder wegen des Gestanks in der Luft nicht mehr zum Spielen nach draußen gelassen hat, ist es diesmal nicht gewesen. Aber existent war der üble Geruch: "An zwei Freitagen und an einem Dienstag", zählt eine Pfalzelerin auf. "Es war zwar lange nicht so stark wie voriges Jahr, aber trotzdem intensiv."

Hans-Jürgen Wirtz, Vorsitzender des Bürgervereins Pfalzel, sekundiert: "Der Geruch war da, aber definitiv schwächer als zuletzt."

Dass trotzdem Aufregung herrsche, sei allzu nachvollziehbar: "Die Nervosität und Sensibilität ist in Pfalzel bei diesem Thema hoch. Die Bürger haben Angst, dass es wieder so schlimm wird wie 2014."Fünf Monate ohne Gestank


Gut fünf Monate hat die Luft in Pfalzel gut gerochen. Bis zu den jüngsten ersten warmen Tagen des Frühjahrs. Da waberte der Gestank vom nahe gelegenen Eu-Rec-Firmengelände wieder in das Wohnviertel rüber.

Die Eu-Rec ist eine Recyclingfirma und bereitet benutzte Plastikfolien auf, zum Beispiel die Gelben Säcke des Sortiersystems Grüner Punkt. Bevor die Folien zu einem Granulat-Brennstoff verpresst werden, müssen sie von organischen Resten, die an ihnen kleben - Papier etiketten, Essensreste und so weiter - gereinigt werden. Dafür werden die Folien erwärmt und gewaschen, wobei der bestialische Gestank in der Vergangenheit vermutlich entstanden ist.
Nach Protesten und Beschwerden der Bürger hatte Eu-Rec-Firmenchef Willi Streit reagiert. Im Herbst 2014 investierte er schließlich mehrere Zehntausend Euro in die Verbesserung der Produktionsabläufe. Unter anderem wird das Plastik jetzt von einer anderen Firma besser vorsortiert, bevor es nach Pfalzel kommt. Alte, stinkende Müllhalden wurden abgetragen. Der Gestank ließ nach.

Dass es jetzt wieder losging, erklärt Streit so: "Durch die Kälte in den vergangenen Monaten haben sich Stoffe im Inneren unserer Lüftungsrohre abgelagert. Als es jetzt wärmer wurde, haben diese Stoffe sich gelöst und verflüchtigt - ich denke, dass es deshalb noch mal zu der kurzen, schwächeren Geruchsbelastung gekommen ist." Die Lüftungsrohre habe er sofort intensiv reinigen lassen. Tatsächlich hat der Gestank aufgehört.

Abgeschlossen ist die Sache allerdings nicht: Nach den Bürgerprotesten hatte die Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord angeordnet, die Abluft des Betriebs auf Schadstoffe zu untersuchen. "Mit den Ergebnissen rechnen wir nächste Woche", sagt Behördensprecherin Sandra Hansen-Spurzem.

Auch das Gesundheitsamt hatte Ende vergangenen Jahres angekündigt, Luftproben nehmen zu wollen. "Aber da der Gestank ja dann plötzlich aufgehört hat, hätte das wenig Sinn gemacht", sagt Bernd Michels, Umweltmediziner und Chef des Trierer Gesundheitsamts.

Als in den vergangenen Tagen der Geruch plötzlich wieder in der Luft lag, handelte Michels. "Wir haben am vergangenen Mittwoch an den betroffenen Stellen in Pfalzel Teströhrchen mit Kohlefiltern aufgehängt." Die Filter bleiben etwa eine Woche lang hängen und absorbieren währenddessen potenzielle Luftschadstoffe. "Die Auswertung durch ein Labor dauert dann noch mal rund vier Wochen", sagt Michels. Dann lägen erste Ergebnisse vor.Staatsanwaltschaft interessiert


An diesen ist auch die Staatsanwaltschaft interessiert. Denn zwei Pfalzeler haben Ende vergangenen Jahres bei der Polizei Anzeige erstattet; sie empfinden die Geruchsbelästigung als Körperverletzung. Für eine mögliche Strafverfolgung wegen fahrlässiger Körperverletzung müssten allerdings grundsätzlich zunächst zwei Dinge bewiesen sein: Erstens, dass tatsächlich gesundheitsgefährdende Stoffe in der Luft vorhanden waren. Zweitens müsse dem Urheber der angezeigten Luftverunreinigung eine Verletzung seiner Sorgfaltspflicht nachgewiesen werden. "Die Ermittlungen laufen noch", erklärt der Trierer Oberstaatsanwalt Peter Fritzen auf TV-Nachfrage.

Und noch ein offenes Ende gibt es: Im November hatte die Eu-Rec Wasser vom Reinigen der Maschinen in den Schmutzwasserkanal der Stadtwerke eingeleitet. Drei Kubikmeter Plastikschnipsel sammelten sich in der Kläranlage.
Wegen der möglicherweise illegalen Abwasserentsorgung hatte die Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord die Polizei eingeschaltet. Auch diese Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen.Extra

Der Konflikt zwischen Pfalzel und der Recyclingfirma Eu-Rec resultiert auch aus der unmittelbaren Nähe, in der Wohn- und Industriegebiet angrenzen. Die enge Nachbarschaft lässt sich auf eine Fehlplanung in den 1960er-Jahren zurückführen: 1964 hatte der Zweckverband Wirtschaftsförderung im Trierer Tal einen Bebauungsplan für das Industriegebiet aufgestellt, der die Ansiedlung von emissionsstarken Firmen regeln sollte. Wegen eines formellen Fehlers trat der Bebauungsplan allerdings nicht in Kraft. Das Industriegebiet wurde nach niedrigschwelligeren Vorgaben besiedelt. Die damals noch von der Stadt unabhängige Ortsgemeinde Pfalzel wies 1968 ihrerseits ein Neubaugebiet südlich der Karolingerstraße aus - und damit in unmittelbarer Nähe zum wachsenden Industriegebiet. Heute wäre ein solches Beieinanderrücken von Wohnen und Industrie nach Paragraf 50 des Bundesimmissionsschutzgesetz, das seit 1974 in Kraft ist, nicht mehr zulässig. woc