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Soziales
Wie Noah seine Familie kennenlernt

FOTO: dpa / Patrick Seeger
Schweich/Trier. In Trier entsteht eine Adoptionsvermittlungsstelle für die ganze Region. Die bewegte Geschichte eines Jungen zeigt, wie schwer und wie erfüllend die Adoption eines Kindes werden kann.
Benedikt Laubert

Bevor Noah* einschläft, hört er eine Geschichte, die sonst kein Kind auf der Welt hört. Die wichtigste Figur der Erzählung: er selbst. Jeden Abend legt sich sein Vater zurzeit zu ihm ins Bett und erzählt ihm, warum er zwei Mütter und zwei Väter hat. Noah hört dann, dass ihn seine „Bauchmama“ vor ein paar Jahren zur Welt gebracht hat, er hört, wie ihn seine „Herzmama“ noch am selben Tag das erste Mal in den Armen hielt. Und er hört, wie sehr sich seine neuen Eltern freuen, dass er Teil der jungen Familie geworden ist. Mit dieser Gute-Nacht-Geschichte wollen Noahs Adoptiveltern Sonja* und Christian* ihm von Anfang an einen offenen Umgang mit dem Thema Adoption ermöglichen. Nur ein Teil der Geschichte fehlt bis heute: Es ist der Teil, der sich um seine leiblichen Eltern dreht.

Etwa 200 Kinder jährlich werden wie Noah in Rheinland-Pfalz adoptiert. Noahs leibliche Mutter hat ihn zur Adoption freigegeben. Inge Schöndorf vom Jugendamt Trier hat die Beratung und die Vermittlung für das Jugendamt Trier übernommen. Auch künftig wird das Schöndorfs Aufgabe sein – dann aber wird sie gemeinsam mit zwei Mitarbeitern ein sehr viel größeres Gebiet betreuen. Die Stadt Trier und die fünf Kreise Trier-Saarburg, Bitburg-Prüm, Bernkastel-Wittlich, Cochem-Zell und der Vulkaneifelkreis wollen nämlich ab dem 1. Juli eine gemeinsame Adoptionsvermittlungsstelle mit Sitz in Trier betreiben (siehe Seite 1).

Für Menschen, die ein Kind aus der Region adoptieren wollen, bedeutet das weniger Bürokratie. Nach einer Überprüfung müssen sie sich nur noch bei der neuen Adoptionsvermittlungsstelle in Trier bewerben, anstatt die Kreise einzeln zu kontaktieren. Trier, einige der Kreise und zwei Landesbehörden müssen die Einrichtung der neuen Vermittlungsstelle noch absegnen – ihre Zustimmung gilt aber als sehr wahrscheinlich.

Auch Felix*, Noahs älterer Bruder, ist kein leibliches Kind des Paares. Er ist als Pflegekind seit Anfang der 2010-er Jahre Teil der Familie. Sonja arbeitet im pädagogischen Bereich. Sie weiß um die schwierige Situation mancher junger Eltern. Gemeinsam mit ihrem Mann beschloss sie deshalb, Felix als Pflegekind aufzunehmen. Doch auch wenn Felix fast sein ganzes Leben bei den Seidels verbracht hat – theoretisch wäre es noch heute möglich, dass sich die leiblichen Eltern eines Tages melden und beantragen, sich wieder um ihr Kind kümmern zu wollen. „Die ständige Unsicherheit belastet“, sagt Christian.

Als sich das Paar ein Geschwister für Felix wünscht, ist deshalb klar: Dieses Mal wollen sie ein Kind adoptieren. Eltern, die ihr Kind zur Adoption freigegeben haben, können dies nämlich – je nach Umständen – nur bis zu ein Jahr lang rückgängig machen. Adoptionsvermittlerin Schöndorf sagt: „Bis diese Frist vergangen ist, zucken viele Adoptiveltern zusammen, wenn das Jugendamt anruft.“ Auch wenn die Wahrscheinlichkeit klein ist – die Angst der Adoptiveltern ist oft groß, dass die gerade aufgebaute Verbindung zum Kind wieder abgebrochen wird.

Entsprechend groß die Erleichterung der Familie, als der Richter die Adoption Noahs nach einem guten Jahr für gültig erklärt. Sonja hält den „kleinen Mann“, wie sie ihren Adoptivsohn liebevoll nennt, in diesem Moment auf dem Arm und kann ihr Glück noch nicht fassen. Sie schickt ihren Mann los, der sich beim Richter versichern soll, dass sie das Urteil wirklich richtig verstanden haben. Sie haben. Noah ist jetzt auch auf dem Papier ihr Sohn. Auch dieser Glücksmoment kommt in Noahs Gute-Nacht-Geschichte vor. Bis zu einem Moment wie diesem nehmen Adoptiveltern eine lange Reise auf sich: Die Überprüfung des Jugendamts, ob sie als physisch und psychisch in der Lage sind, ein Kind zu adoptieren. Beratungsgespräche und Seminare. Die Bewerbung um eine Adoption. Das Warten, bis sich das Jugendamt – vielleicht – mit einem Adoptionsvorschlag meldet. Nicht alle Bewerber bekommen automatisch ein Kind vermittelt, denn, wie Vermittlerin Schöndorf sagt: „Wir suchen keine Adoptivkinder für die Eltern, sondern anders herum. Das Wohl des Kindes steht bei der Vermittlung immer an erster Stelle.“

Von all dem Papierkram und den Sorgen bekommt Noah wahrscheinlich nicht viel mit. Er hat mit anderen Dingen zu kämpfen: Noch in seinem ersten Lebensjahr wird er schwer krank, hört unerwartet auf zu atmen. Sein großer Bruder findet ihn und schlägt bei den Eltern Alarm. So können sie ihm rechtzeitig helfen. Mehrere Male bekommt er diese Anfälle, doch bis heute kann kein Arzt herausfinden, woran Noah leidet. Inzwischen ist er wohlauf.

Schöndorf sagt: „Adoptivkinder bringen einen Rucksack an Erfahrungen mit in ihre neue Familie.“ Niemand wisse, was ihnen während der Schwangerschaft oder nach der Geburt widerfahren sei. Trotzdem hätten diese Erlebnisse – gute wie schlechte – Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder.

Trotz oder gerade wegen aller Strapazen: Noah ist seinen neuen Eltern fest ans Herz gewachsen. Vor der „Bauchmama“, die sie nicht kennen, zeigen die beiden größten Respekt, da sie wohl ihre Interessen zurück- und das Wohl Noahs vor alles andere gestellt habe. Die beiden wünschen sich, dass Noah sie eines Tages kennenlernt und dann selbst die Lücke in seiner Lebensgeschichte schließen kann.

*Namen von der Redaktion geändert