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Januarnächte unter freiem Himmel

Trier. Niemand ist gezwungen, in Trier unter freiem Himmel zu schlafen, es gibt Heime und Hilfe bei der Wohnungssuche. Warum entscheiden sich Obdachlose wie Norbert Reuter dennoch für die "Platte" - selbst jetzt, im kalten Januar? Stefanie Braun

Trier. In Trier kennt man ihn als "Hut-Norbert", weil er meist einen eleganten Hut auf dem Kopf trägt. "Aber der ist gerade in der Reinigung." Stattdessen hat Norbert Reuter an diesem Tag eine Wollmütze über Kopf und Ohren gezogen. Vor 14 Jahren verließ der ausgebildete Rettungsassistent seine Familie, weil er mit dem Leben, das er führte, nicht mehr zurechtkam. Bevor es Konflikte gab, ging man im Guten auseinander.
Seit zwölf Jahren ist der 53-Jähre nun in Trier. Während dieser Zeit hat er oft auf der Straße, aber auch immer wieder in Wohnungen gelebt. Zuletzt vor sieben Monaten. Seitdem "macht er Platte" - so nennen Obdachlose ihren Schlafplatz unter freiem Himmel. Reuter verbringt dort selbst die kalten Januarnächte.
Zwar gibt es in Trier mehrere Übernachtungsheime für Obdachlose (siehe Extra). Doch die, sagt Norbert Reuter, seien eine gute Einrichtung für diejenigen, die Hilfe brauchten. Davon gebe es einige. Aber solange er noch selbst zurechtkomme, sei es für ihn draußen besser.
Heime sind für andere da


Die "Platte" bedeutet für ihn, Ruhe vor anderen zu haben. Keine Konflikte, von denen es in seinem Leben vor der Straße mehr als genug gab. Und Unabhängigkeit von staatlichen Leistungen: Reuter sammelt Pfand und verdient damit im Schnitt zehn Euro am Tag. "Man kann davon existieren." Für eine warme Mahlzeit geht er oft ins Mutterhaus, genauso für ärztliche Behandlungen. Bei der Trierer Nothilfe deckt er sich mit Kleidung ein. Norbert Reuter bleibt bewusst allein. Mit anderen Obdachlosen in einer Gruppe zu leben, bedeute oft einen erhöhten Alkoholkonsum, sagt er. Ein Risiko. Denn wer zu stark alkoholisiert sei, werde unempfindlich gegen die Kälte, decke sich nicht richtig zu, erbreche sich im schlimmsten Fall, was die Körpertemperatur weiter herabsetze.
Hinzu komme die Gewalt, die es unter Obdachlosen häufig gebe, besonders, wenn Alkohol im Spiel sei. Probleme mit und durch andere Obdachlose seien dann programmiert. Reuters Fazit: Allein auf der Platte lebt man friedlicher.
Norbert Reuters "Platte", deren genauen Ort er nicht in der Zeitung lesen möchte, besteht aus einer Matratze, einem Schlafsack und einer Decke. Friert er nicht? Norbert Reuter schüttelt den Kopf. Er kenne seine Grenzen und wisse, wie man klarkomme.
Eine wichtige Voraussetzung, um kalte Nächte gut zu überstehen, ist ein voller Bauch, wie er erklärt. Wer hungrig sei, friere schneller. Vernünftige Kleidung helfe, die Temperatur zu halten, bis man sich in den Schlafsack lege. Von diesem Zeitpunkt an heiße es, sich bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Denn mehrere Schichten Kleidung kühlten Schicht für Schicht aus, die Kälte sammele sich darin.
Nur einmal hat sein Körper Norbert Reuter unmissverständlich gezeigt, dass er ins Warme gehen musste: Damals hatte er einen Lymphknoten-Abszess. Eine Woche lang schlief er im Benedikt-Labre-Haus. Als das Fieber weg war, war auch er wieder weg.Extra

Stadt und soziale Einrichtungen wie die Caritas bieten Obdachlosen Unterschlupf an, auch für mehr als eine kalte Nacht - unter anderem im Benedikt-Labre-Haus in der Luxemburgerstraße, im Cafe Haltepunkt, dem Haus Maria Goretti und im Haus Lukas. Im Reso-Zentrum der Caritas in der Gustave-Eiffel-Straße können Obdachlose den Weg zurück zu einer eigenen Wohnung finden. Warmes Essen bieten ihnen täglich Brüderkrankenhaus und Mutterhaus an. Im Brüderkrankenhaus gibt es zudem dienstags und donnerstags kostenlose ärztliche Untersuchungen und Beratungen. Duschmöglichkeiten sind im Brüderkrankenhaus und in den Übernachtungsheimen vorhanden. Kleidung bieten Brüderkrankenhaus, Nothilfe und Caritas an. sbr