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Kreuzfahrt oder Seniorenresidenz?

Heikles Thema, humorvoll umgesetzt: Pflegerin Trixi (Marije Idema, rechts) hat ihre Freude daran, dem neuen Pfleger Erkan (Behnam Hassani, links) am „Versuchskaninchen“ Herrn Müller (Horst Ewen) zu demonstrieren, wie er Windeln anzulegen hat. Foto: Jana Sura
Heikles Thema, humorvoll umgesetzt: Pflegerin Trixi (Marije Idema, rechts) hat ihre Freude daran, dem neuen Pfleger Erkan (Behnam Hassani, links) am „Versuchskaninchen“ Herrn Müller (Horst Ewen) zu demonstrieren, wie er Windeln anzulegen hat. Foto: Jana Sura FOTO: (wh_wtl )
Trier. Die integrative Theatergruppe com.guck widmet sich in ihrer Collage "Heim - Suchung" dem Wohnen im Alter. Mechthild Schneiders

Horst Ewen lehnt über einer Ballettstange, das Gesäß etwas nach hinten gestreckt. Hinter ihm sitzen in Reih und Glied ein halbes Dutzend Frauen und Männer, schauen starr geradeaus oder nach unten - ganz in sich gekehrt.
Marije Idema tritt hinter Ewen. Es scheint, als würde sie ihm eine Windel anlegen. Dann ist Behnam Hassani dran. Der Pfleger muss das sogenannte Pampas-Wechseln noch lernen. Ansonsten kennt er sich schon gut aus im Altersheim.

Dort spielt ein großer Teil des neuen Stücks der integrativen Theatergruppe com.guck, das am Freitag, 3. Februar, 20 Uhr, Premiere in der Tuchfabrik Trier feiert. "Wir beschäftigen uns schon seit einem Jahr mit dem Thema Wohnen", erklärt Regisseurin Moni Kukawka. "Wir haben uns überlegt, wie wir selbst alt werden wollen." Hier traten offenbar große Unterschiede auf. "Die einen waren ganz entspannt, die anderen hatten Horrorvisionen."

Das Team hätte dabei festgestellt: "Wir sind alle betroffen", sagt Kukawka. "Wir werden alle früher oder später in einem Heim landen." Und so nennt die Gruppe ihr neues Werk "Heim - Suchung" oder "Geschichten über das Wohnen, so lange wir noch leben". Wobei Stück nicht ganz richtig ist, vielmehr handelt es sich um eine Collage von Geschichten über das Wohnen.

Jeder der 16 Akteure hat seine Vorstellung des Lebens im Alter auf Papier gebracht. Daraus entwickelten Kukawka und Claudia ("Geia") Cartellieri, sowohl Schauspielerin als auch Managerin der Truppe, die Bühnenszenen. Und die erscheinen verdächtig realistisch. So versuche, erzählt Cartellieri, ein Kind seinen Eltern beizubringen: "Ich schaffe das nicht mehr mit der Pflege von euch." Ein anderer Akteur plane eine lebenslange Kreuzfahrt. Und einer wolle im Alter bei seiner Schwester leben - gefragt habe er sie jedoch noch nicht.

Hier liegt eine zentrale Botschaft: "Wir wollen klar machen: Es ist wichtig, dass man im Familienverband ausführlich über solche Dinge spricht."

Bei com.guck sind nicht nur die Akteure besonders. So gebe es nur selten einen geschriebenen Text, erklärt Cartellieri. "Verglichen mit anderer Theaterarbeit muss man auch während der Vorstellung sehr wach sein und gegebenenfalls improvisieren." Es sei wichtig, sich seiner Rolle bewusst zu sein, um darin frei agieren zu können. "Bei anderer Theaterarbeit kann man eher über den Text gehen und so zu seiner Figur finden", sagt die Theaterpädagogin. "Bei com.guck läuft es genau anders herum. Vielleicht wird man bei uns ein bisschen mehr geschult, Geduld zu haben. Das hilft aber auch in anderen Lebenslagen."

Auch die sind besonders. Denn wie es in einem Heim ist, davon können viele der beeinträchtigten Schauspieler aus eigenen Erfahrungen erzählen. Etwa von Einschränkungen in den persönlichen Freiheiten und Entscheidungen oder von der Routine. "Wir wollen alles, was uns nicht passt, auf die Bühne bringen", sagt Kukawka. "Das gibt uns die Möglichkeit, auf Missstände hinzuweisen, Vorurteile abzubauen", ergänzt Cartellieri. "Es geht bei der Arbeit mit com.guck nicht ‚nur‘ darum, das Publikum zu unterhalten. Und wir schaffen es immer wieder, ohne Zeigefinger sondern mit Humor ernste Themen anzupacken."

Weitere Termine: 4. Februar, 20 Uhr, 5. Februar, 16 Uhr, Tufa Trier. Karten für 14/10 Euro an der Abendkasse.INTEGRATIVES THEATER

Extra

(mehi) Regisseurin Moni Kukawka und Managerin Claudia Cartellieri haben die integrative Theatergruppe com.guck im Jahr 2000 als Projekt 54 gegründet. Zurzeit besteht sie aus 16 Akteuren, von denen zwei Drittel eine Beeinträchtigung haben. Die Gruppe wird gefördert von der Lebenshilfen Trier, Trier-Saarburg und den Lebenshilfe-Werken Trier. Der Name com.guck ist auch der Hinweis auf Compañia (Ensemble) und Compañero (Kumpel) - und schließlich auf die Zuschauer, die gucken kommen.