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Mittelaltermarkt
Ein Tor in eine andere Welt

Mittelalterliche Schaukämpfe: Gebannt betrachten die Zuschauer die martialische Szene.
Mittelalterliche Schaukämpfe: Gebannt betrachten die Zuschauer die martialische Szene. FOTO: HANS KRAEMER / Hans Kraemer
Trier. Der vom TV präsentierte Mercatus Phantasticus in Trier bietet fantastische Vorführungen, Relikte aus längst vergangener Zeit und abstrakte Kreaturen, die angeschaut, aber besser nicht angefasst werden sollten. Für alle, die keine Mittelalter- oder Fantasyfans sind, hat die Veranstaltung ebenfalls viel zu bieten. Von Lisanne Dornoff

Wo treffen Elfen, Orks, Trolle, Figuren aus „Game of Thrones“, Hobbits und zahlreiche Ritter und Burgfräuleins aufeinander? Nein, nicht in einem Mittelalter-Computerspiel und auch nicht im Auenland („Herr der Ringe“), sondern an den Moselauen, in Trier, am Messegelände. Der Mittelaltermarkt „Mercatus Phantasticus“ hat hier am Wochenende seine Zelte aufgeschlagen. Zum zweiten Mal wird er in Trier mit dem Zusatz „Phantasticus“ veranstaltet. Die Veranstalter wollen nicht nur die Lebensart vor tausend Jahren zeigen, sondern auch fantastische Figuren aus Filmen, Büchern und Computerspielen sind hier willkommen. Laut Schätzung von Sonntagabend sind 2200 zahlende Besucher dem Ruf gefolgt.

An der Seite von Thorin Eichenschild aus dem Film „Der Hobbit“ läuft der „Wegelagerer“, dahinter Daenerys Targaryen mit Eddard „Ned“ Stark aus der Erfolgsserie „Game of Thrones“. Eine bunte Mischung aus Geschichte und Fantasy gibt es hier zu sehen, mit aufwendigen Gewändern und vielen kleinen, liebevollen Details. Kein Wunder, da die meisten Besucher ihre Verkleidung selbst handgefertigt haben. Der Aufwand dahinter ist immens, doch die Freude am Rollenwechsel, an der alten Sprache und dem Lebensstil ist nicht zu übersehen. Was wie eine Veranstaltung für eine kleine, ausgesuchte Fangemeinde wirkt, entpuppt sich schnell als Massenphänomen: Das Mittelalter und die Fantasywelt haben ihren ganz besonderen Reiz. In den Bann gezogen werden nicht nur Kinder oder eingefleischte Fans des Autors Tolkien. Auf der Veranstaltung tummeln sich Jung und Alt, Verkleidete genauso wie Besucher in Zivil. Was alle Besucher vereint, ist ihre Begeisterung für die alte Zeit. Sie sehnen sich nach einer Gegenwart, in der die digitale Revolution noch nicht stattgefunden hat, in der alles noch überschaubar ist.

Die Hingabe zum Mittelalter und die Übernahme bestimmter Lebensarten hilft dabei, „dem Alltag zu entfliehen“, meint Christoph Botzet (30) aus Wintrich (Landkreis Bernkastel-Wittlich). Gemeinsam mit seinen Freunden aus dem Mittelalterverein in Hundheim (Landkreis Bernkastel-Wittlich) ist er hier in handgefertigter Mittelaltermontur unterwegs.

„Hier sind normale Leute“, ergänzt sein Freund Dirk Rölleke (50) aus Longkamp (Landkreis Bernkastel-Wittlich). Sein Kommentar verleitet zum Schmunzeln. Um uns herum laufen Orks, Trolle, Feen und zahlreiche andere undefinierbare Kreaturen. Normale Leute? „Es ist viel wert, abends gemeinsam am Lagerfeuer zu sitzen, und alle Leute sind gleich. Hier gibt es keine Standesunterschiede. Wir können miteinander scherzen, und keiner nimmt es dem anderen übel“, erklärt er. Natürlich macht es auch Spaß, sich zu verkleiden und in eine neue Rolle zu schlüpfen, aber das Schönste am Mittelalter: „Das ist der Zusammenhalt.“
Michèle Hermann (23) hat ihren Besuch in Trier für diese Veranstaltung genutzt. Die junge Frau in Zivil beweist, dass es auch viele Menschen gibt, denen man ihr Hobby nicht unbedingt ansieht. „Ich bin einfach vom Mittelalter fasziniert“, betont die Frankfurterin. „Ich mag dieses simple Leben.“

Neben Fantasy und Mittelalter gibt es noch eine dritte Strömung, deren Vertreter auf dem Festival nicht zu übersehen sind: den Steampunk. Mit ihren auffälligen Hüten, abstrakten Messingkonstruktionen und technischen Feinheiten sehen sie wie Forscher aus, die im Film „In 80 Tagen um die Welt“ mitspielen sollten.

„Steampunk hat nichts mit Mittelalter zu tun“, stellt Christoph Rumpf (48) aus Hennef (Rhein-Sieg-Kreis) klar. „Die Stilrichtung kommt aus der viktorianischen Ära und versucht darzustellen, wie die Menschen sich damals die heutige Technik vorgestellt haben.“ Das Outfit der beiden mit den messingumhüllten Okularen, den Zahnrädern, Zylinder und Uniform fällt auf. Vor allen Dingen jedoch ist es der „menschliche Aspekt“, der ihn für den Steampunk begeistert. „Diese Entschleunigung, Höflichkeit. Wann hat Ihr Mann sie das letzte Mal so am Arm geführt?“ Er hält seine Freundin, Ellenbogen an Ellenbogen, fest.

Neben all den Ständen, an denen Felle, Schwerter, Honigwein (Met) und Brot feilgeboten werden (natürlich in alter Sprache), gibt es auch eine Wahrsagerin und zahlreiche Mitmach­angebote. Ein (echter) Schmied erklärt sein Handwerk, bei dem Amt für Ätherangelegenheiten kann man sich einen Reisepass ausstellen lassen.

Die Veranstalter Sascha Kropp und Markus Sollner waren beide lange in der Konzertbranche aktiv. Irgendwann kam die Idee: „Warum nicht das, was wir für andere machen, für uns machen?“

Zusätzlich zu ihrer Agentur Tri-Event haben sie daher noch die Tochterfirma Mundus Medi Aevi gegründet, was so viel wie „Welt zwischen den Zeiten“ bedeutet. Was die beiden auf die Mittelalterschiene gebracht hat? „Das hier ist etwas ganz anderes“, erzählt Sascha Kropp: „Man kennt sich, man feiert zusammen. Das hier ist Familie.“

Der TV präsentiert auch die Mittelaltertage am 9./10. Juni in Bernkastel-Kues  und am 28./29. Juli in Trier.

Eine Frau mit Elfenohren legt letzte Hand an die Rüstung eines Ritters.
Eine Frau mit Elfenohren legt letzte Hand an die Rüstung eines Ritters. FOTO: HANS KRAEMER / Hans Kraemer
Eine Satyr (Vodoo Lady; links) und ihre Werwölfin ziehen über das Gelände.
Eine Satyr (Vodoo Lady; links) und ihre Werwölfin ziehen über das Gelände. FOTO: HANS KRAEMER / Hans Kraemer