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Neubeginn in der Gartenstadt

Generationen von Schülern unterrichtet: Mit ihrem Mann Ernst baute Helene Weis im Jahr 1964 die Grundschule Mariahof auf. Foto: Cordula Fischer
Generationen von Schülern unterrichtet: Mit ihrem Mann Ernst baute Helene Weis im Jahr 1964 die Grundschule Mariahof auf. Foto: Cordula Fischer
MARIAHOF. Gleich zwei Premieren hat Helene Weis im Jahr 1964 erlebt: Als zwei der ersten Einwohner zogen sie und ihr Mann Ernst nach Mariahof, den frisch aus der Taufe gehobenen Stadtteil. Dort halfen sie, die neue Grundschule aufzubauen. ARRAY(0x147e1f7a8)

Ernst Weis war damals Rektor, Helene Lehrerin. Zusammen waren sie maßgeblich am Aufbau der Grundschule Mariahof beteiligt, die in ihrer Entstehungszeit einige Schwierigkeiten zu überwinden hatte. Nicht immer leicht war das Leben von Helene Weis. Sie erlebte den Krieg als junges Mädchen und musste früh Verantwortung übernehmen. "Aber das habe ich damals alles nicht als große Last empfunden", sagt die 75-Jährige. Nach der Evakuierung kehrte die Familie bald zurück und baute sich Haus und Leben von neuem auf. Im Jahr 1949 machte Helene Weis als ältestes von fünf Kindern das Abitur am Auguste-Viktoria-Gymnasium. Ihr Vater hatte moderne Ansichten. "Er hat gesagt: Ihr sollt nie auf eurem Aussteuerköfferchen sitzen und warten, bis ein Mann euch abholt." Alle fünf Mädchen sollten einen Beruf erlernen oder studieren, um für sich selbst sorgen zu können.Mit 18 Vormund für vier Geschwister

Verantwortung für die Familie musste Helene übernehmen, als ihr Vater 1950, ihre Mutter ein Jahr später verstarb. Sie erhielt, als sie volljährig wurde, die Vormundschaft für ihre vier jüngeren Geschwister, während sie an der Pädagogischen Akademie studierte. Danach erhielt sie sofort ihre erste Stelle in St. Matthias, unterrichtete eine zweite Klasse mit 45 Kindern. In Kürenz übernahm sie zeitweise eine Mädchenklasse, bevor sie in St. Matthias ein eigenes erstes Schuljahr bekam. "Die Kinder waren froh, dass sie eine junge Lehrerin bekamen", erinnert sich Weis. Aus ihren ehemaligen Schülern ist viel geworden, von einigen Klassen wird sie immer noch alle fünf Jahre zu Klassentreffen eingeladen. Im Jahr 1956 heiratete sie, ihr Sohn kam 1957 zur Welt. Damals quittierte Weis zunächst den Schuldienst, bis sie ihn 1964 in Mariahof wieder aufnahm. "Jeden Tag standen 50 Mütter auf dem Schulhof und wollten ihre Kinder anmelden", erzählt die 75-Jährige. "Die Schule war zu klein, es gab nicht genug Stühle." Eltern traten in einen Schulstreik, als einige Kinder nach Heiligkreuz zur Schule gehen sollten. Da sich Schule wie Stadtteil dort noch im Bau befanden, wollten die Eltern ihren Nachwuchs nicht über die gefährlichen, von Baufahrzeugen stark befahrenen Straßen schicken. So bezog Helene Weis mit einer zweiten Klasse als Notlösung die Baubaracken der Wohnungsbaugenossenschaft am Hofgut, wo auch der Kindergarten seine Arbeit aufnahm. Vieles, das geregelt werden musste, lief damals über das private Telefon im Hause Weis. Helene Weis organisierte Elternsprechtage. "Denn es gab viele schwierige Verhältnisse, man war auch als Sozialarbeiter gefordert." Im Jahr 1975 wechselte die Lehrerin an die Cusanus-Hauptschule. "Ich fand den Ton, der dort herrschte, verheerend. Daran habe ich viel gearbeitet mit den Kindern." Eine strenge Hand sei ebenso wichtig gewesen, wie den Schülern Mut zu machen und ihnen vieles für das Leben mitzugeben. Nach ihrer Pensionierung übernahm Helene Weis 1991 ehrenamtlich die Betreuung der Hausaufgabenhilfe an der Grundschule und half den Kindern bis 2002 bei der Bewältigung ihrer Arbeit. "Aber es geht nicht nur um Leistung. Man muss ihnen zeigen, dass sie etwas können und ihre Talente wahrnehmen und fördern." Sich kümmern, nicht "nebeneinander her leben": Dieser Devise kommt Weis noch heute nach, indem sie sich um ein gutes Verhältnis zu ihren Nachbarn bemüht, sich bei Straßenfesten beteiligt, Kinder der Nachbarn hütet. Außerdem singt die sie seit 1990 - ohne jemals zu fehlen - im Kirchenchor. Bedauert hat sie, dass ihr Mann das 40-jährige Bestehen der Grundschule Mariahof nicht mehr miterlebte, das sie mit vielen ehemaligen Schülern und Kollegen feierte.