| 21:35 Uhr

"Pabeiersnuesschnappesch"

Trier/Luxemburg. Wer Platt sprechen kann, ist eindeutig im Vorteil, wenn er Luxemburgisch lernen möchte. Was auch helfen kann, ist das neue luxemburgisch-deutsche Wörterbuch "Luxdico". Das Nachschlagewerk soll gegen den Untergang des "Lëtzebuer-geschen" wirken. Von unserer Mitarbeiterin Sybille Schönhofen

Das Luxemburgische hat es als Sprache nicht leicht. Nicht einmal in seinem Heimatland ist es Unterrichtsfach an den Schulen, an der Uni ist es ein Neuling, Lehrer für Luxemburgisch hatten bis vor kurzem keine Aussicht auf Festanstellung, in den Gesetzestexten ist es durch Französisch verdrängt und "Lëtze-buergesch" gilt auch nicht als offizielle europäische Sprache.

Sprache als Teil der Identität


Doch das kleine Volk im Herzen Europas scheint zu erkennen, dass seine Sprache einen Teil seiner Identität ausmacht und einer Stärkung bedarf. Seit September gibt es Luxemburgisch daher erstmals als Fach an der Universität, die ersten Luxemburgischlehrer bekommen eine Festanstellung und das neue luxemburgisch-deutsche Wörterbuch "Luxdico" drückt Selbstbewusstsein aus.

Nicht einmal ein Brot könne man mehr auf Luxemburgisch kaufen, ohne dass die Verkäuferin darum bitte, Französisch zu sprechen, klagt die luxemburgische Europaabgeordnete Astrid Lulling über die Not, in der sich ihre vom Vergessen bedrohte Muttersprache befindet. Kein Wunder, wo doch 50 Prozent der Einwohner "ausländische Residierende" seien und Grenzgänger tagsüber den Ausländeranteil noch erheblich vergrößern. Gemeinsam mit ihrem Großneffen Jérôme Lulling und der Unterstützung der Europaabgeordneten Christa Klaß hat Astrid Lulling dem Untergang ihrer Muttersprache den Kampf angesagt. In dem Zusammenhang warnte Christa Klaß bei der Buchvorstellung von "Luxdico" mit einem Verweis auf ihr eigenes Moselfränkisch: "Sprache geht verloren, wenn wir sie nicht praktizieren."

Als Sponsorinnen und Schirmherrinnen haben die beiden Europaabgeordneten das neue luxemburgisch-deutsche Wörterbuch ermöglicht. Jérôme Lulling hat es mit François Schanen und Myriam Welschbillig verfasst.

Einen Schritt auf den Nachbarn zugehen



Auf 358 Seiten listen die drei Autoren 26 400 luxemburgische Wörter auf und übersetzen sie ins Deutsche. So erhält der sprachinteressierte Deutsche für die anstehende Schnupfenzeit beispielsweise die Übersetzung für Papiertaschentuch in "Pabeiersnuesschnappesch". Und der Muttersprachler, der grübelte, wie sich dieses oder jene gesprochene Wort schreibt, kann nun auf ein hilfreiches Nachschlagewerk zurückgreifen. Zwar gibt es Vorläufer, doch eines aus den 50er-Jahren wurde wegen antisemitischer und sexistischer Komponenten aus dem Handel gezogen, erläuterte Jérôme Lulling, und das bisherige Standardwerk von Jacqui Zimmer ist mit seinen nur 6000 Begriffen dem "Luxdico" im Wortschatz weit unterlegen.

"Das Wörterbuch ist ein kleines Handwerksgeschirr, damit wir uns in der Großregion besser verstehen", fasste Astrid Lulling ein weiteres Ziel des Projektes zusammen. "Das hat gefehlt", urteilte Franz-Peter Basten, der sich als Honorarkonsul für die deutsch-luxemburgischen Beziehungen einsetzt. Er appellierte an alle Grenzgänger, zum eigenen Vorteil die Sprache des Arbeitgeberlandes zu erlernen. Triers Kulturdezernent Ulrich Holkenbrink empfahl das Wörterbuch als Möglichkeit, mit seiner Hilfe einen Schritt auf den Nachbarn zuzugehen. Das Buch ist im luxemburgischen Verlag Editions Schortgen erschienen und kostet 24,95 Euro. Erhältlich ist es in Trier in den Buchhandlungen "Interbook" und "De' Bücherladen". Das Buch wird nach der Frankfurter Buchmesse Ende Oktober auch im Internet zu bestellen sein, so der Luxemburger Verleger Manuel Schortgen.

Extra Jérôme Lulling (37) hat in Montpellier deutsche Linguistik studiert und darin promoviert. Von 2000 bis 2006 besaß er einen Lehrauftrag für Luxemburgisch an der Universität Trier. Seit 2006 unterrichtet er seine Muttersprache im Auftrag der Stadt Luxemburg und hat zusätzlich einen Lehrauftrag in Namur (Belgien). Vor "Luxdico Deutsch" hat er bereits "Luxdico Französisch" veröffentlicht - in Luxemburg mit 10 000 verkauften Exemplaren ein Bestseller. (sys)