| 20:42 Uhr

Schüler schaffen Chance zum Erinnern

FOTO: (h_st )
Trier. Die Ausstellung "(Unge)rechtes Trier" am Auguste-Viktoria-Gymnasium Trier (AVG) ist am Mittwoch eröffnet worden. Nach mehrjähriger Arbeit präsentieren die Schüler neue Erkenntnisse zum Schicksal der Trierer Juden im Nationalsozialismus. Lucas Blasius

Trier. "Das Projekt ist absolut gelungen", sagt Schulleiter Bernhard Hügle mit Blick auf die neuen Plakate. Als er die Ausstellung in einem Flur des AVG-Klosterbaus eröffnet, ist dieser gefüllt mit Schülern und Ehrengästen. Sie alle sind gekommen, um die 16 Plakate zu betrachten, an denen die 14 Schüler des Leistungskurses Geschichte die vergangenen zweieinhalb Jahre gearbeitet haben. Ihre Themen: historische Orte wie den Rindertanzplatz, Einzelschicksale und Interviews.Als die Eröffnungsreden vorbei sind, herrscht eine gelöste Stimmung. In vielen leisen Gesprächen tauschen sich Schüler und Gäste über ihre Erkenntnisse aus.Daniela Kolhaas und Ruben Krupa (beide 18) haben mit einigen Mitschülern die Geschichte des ehemaligen Bischof-Korum-Hauses erforscht. Auf zwei Postern direkt am Anfang der Ausstellung präsentieren sie ihre Ergebnisse. Die Poster selbst wurden professionell layoutet, die Inhalte stammen von den Schülern allein.Zusatzarbeit in der Freizeit

Kolhaas und Krupa erklären: "Wir haben für unser Thema viele Unterlagen im Stadtarchiv durchgesehen. Dazu haben wir alte Bücher und Fotos gesucht, die wir verwenden konnten." Die Beschaffung der Informationen sei kein großes Problem gewesen. Schwieriger sei die Einbindung des Themas in den Unterricht gewesen, meinen die beiden: "Natürlich hat es nicht immer zum Thema gepasst. Da haben wir dann eher außerhalb der Schule gearbeitet."Eigenständiges Lernen

Lehrerin Claudia Nosper hat ihre Schüler dabei eng begleitet. Sie weiß auch um deren Engagement: "Sie haben in ihrer Freizeit Bücher gelesen, fotografiert, geschrieben und so weiter." Trotz der langen Arbeitszeit sei es keinem zu viel geworden. Während des Projekts konnten die Schüler einen neue Art von Zugang zur Geschichte finden. Claudia Nosper: "Gerade die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Triers war reizvoll. Und die Schüler konnten eigenständiger lernen."Die Initiative zum Projekt kam vom Ortsbeirat Trier-Mitte/Gartenfeld. Ortsvorsteher Dominik Heinrich (Bündnis 90/Die Grünen) zieht ein positives Zwischenfazit: "Das Projekt ist bisher gelungen. Aber es geht noch entscheidend weiter: Als Wanderausstellung zieht es durch die Trierer Schulen, um auf das Thema aufmerksam zu machen." Etwa zwei bis drei Monate lang soll eine zweite Version der Ausstellung in den Trierer Gymnasien und den Synagogen in Schweich und Wittlich zu sehen sein.Am AVG bleibt die Ausstellung bis zu den Sommerferien bestehen. Heinrich hat das Projekt unter anderem initiiert, um auf die schwierige städtebauliche Politik am Rindertanzplatz aufmerksam zu machen. Das ehemalige Bischof-Korum-Haus wurde dort Mitte der 1960er Jahre abgerissen, nun erinnert nur eine Wandtafel vor einem Parkplatz an die Geschichte (siehe Hintergrund). Heinrich: "Es ist ein tragischer Ort und nicht richtig, nur mit einer Tafel der deportierten Juden zu gedenken." Das Projekt sieht er unter einem Leitsatz: "Es geht darum, das Erinnern zu fördern."Interview mit Zeitzeugin

Erinnerungen finden sich bei "(Unge)Rechtes Trier" auch in vielen persönlichen Schicksalen. So hat einer der Schüler seine Ur-Oma interviewt, eine Zeitzeugin aus Trier. Das Interview wurde im Januar 2014 geführt, mittlerweile ist die Frau verstorben. Ihre eindrucksvollen Erlebnisse und Erinnerungen leben in einer eigenen Tafel in der Ausstellung nun aber weiter. Schulleiter Bernhard Hügle sieht gerade in diesen menschennahen Geschichten eine Stärke des Projekts. Er findet es außergewöhnlich, wie gut generell die Begeisterung der Schüler, die Kompetenz der Lehrerin und die fachliche Aufarbeitung der NS-Zeit zueinander gepasst hätten. Seine Schule hat den Schülern dafür sogar Geld im niedrigen vierstelligen Bereich zur Verfügung gestellt. Ein ähnlicher Betrag kam zusätzlich aus dem Freundes- und Bekanntenkreis zusammen. Die Sparkasse Trier beteiligte sich mit einem höheren vierstelligen Betrag. Der Ortsbeirat unterstützte das Projekt sogar mit 10 000 Euro für die Wanderausstellung, ein begleitendes Buch und Hinweisschilder. Ortsvorsteher Heinrich findet das Geld sehr gut angelegt. Eine Wiederholung des Projekts mit anderen Themen halten alle Beteiligten für gut möglich. Konkrete Pläne bestehen allerdings noch keine.Wer sich für die Ausstellung interessiert, findet auf der Homepage des AVG weitere Informationen. Eintrittskosten gibt es keine. Das Buch zur Ausstellung ist im Einzelhandel erhältlich.avg-trier.deExtra

Das Bischof-Korum-Haus in Trier hat eine vielfältige Geschichte: Es war bereits Begegnungsstätte, Sammelgefängnis, Theater und Gedenkstätte. Für eine katholische Jugendgruppe wurde das Gebäude 1929 in der Sichelstraße errichtet, bevor es zur Zeit der Nationalsozialisten umfunktioniert wurde. Ab 1942 wurden hier jüdische Frauen und Kinder gefangen gehalten - ihre letzte Station vor dem Konzentrationslager. Nach Informationen der Stadt Trier wurden 1942/43 über 600 Juden aus Trier deportiert. Nach dem Krieg wurde das ehemalige Bischof-Korum-Haus für einige Jahre als Theater genutzt, in den 1960er Jahren wurde es abgerissen. Heute erinnert eine Gedenktafel am Rindertanzplatz an die bewegte Geschichte. lub Extra

Alle Bürger sind eingeladen, die Ausstellung in der Schule zu besuchen. Sie empfiehlt sich für alle, die sich für die Geschichte Triers und die Zeit des Nationalsozialismus interessieren. Es werden zwar keine völlig neuen Funde gemacht, allerdings entsteht durch das Schülerprojekt ein ganz neues Verständnis für die ausgewählten Themen. Besucher benötigen kein großes Vorwissen und nicht allzu viel Zeit, um die Ausstellung zu erkunden. lub

 Daniela Kohlhaas (18) und Ruben Krupa (18) haben die Geschichte des ehemaligen Bischof-Korum-Hauses erforscht.
Daniela Kohlhaas (18) und Ruben Krupa (18) haben die Geschichte des ehemaligen Bischof-Korum-Hauses erforscht. FOTO: (h_st )