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Soziales
Ein Dorf für Frauen und Kinder in Not

SKF-Geschäftsführerin Regina Bergmann kennt sich auf der Großbaustelle am Krahnenufer aus. Im Frühjahr 2019 soll alles fertig sein.
SKF-Geschäftsführerin Regina Bergmann kennt sich auf der Großbaustelle am Krahnenufer aus. Im Frühjahr 2019 soll alles fertig sein. FOTO: Rainer Neubert
Trier. Der Sozialdienst katholischer Frauen investiert im Herzen Triers sechs Millionen Euro. Auch benachteiligte und wohnungslose Jugendliche sollen in den komplett sanierten Gebäuden an der Krahnenstraße eine sichere Bleibe bekommen. Von Rainer Neubert
Rainer Neubert

Cindy lebte lange auf der Straße. Ihren Vater kennt sie nicht, von einem Partner der Mutter wurde sie sexuell missbraucht. Die 16-Jährige  war oft allein und musste die Verantwortung für ihren Bruder übernehmen. Insgesamt ist sie 15 Mal umgezogen, hat in ihrem Leben nie Stabilität und Sicherheit erlebt. Inzwischen ist sie psychisch krank, nimmt Psychopharmaka. Letztes Jahr wurde sie wieder Opfer sexueller Übergriffe – die Hilfe der Polizei hat sie nicht gesucht ...

Die Geschichte des Mädchens Cindy erzählt der Sozialdienst katholischer Frauen (SKF) auf seiner Homepage. Sie steht exemplarisch für die Schicksale von Jugendlichen am Rande der Gesellschaft, für die zwei betreute Wohngruppen im Haus Maria Goretti eine Rückkehr in die Gesellschaft ermöglichen sollen. „Die Auslastung ist hoch“, sagt SKF-Geschäftsführerin Regina Bergmann, wobei sie das nicht nur auf die Angebote für Minderjährige bezieht. „Wir helfen allen Frauen und Kindern in Not, unabhängig von einer Religionszugehörigkeit oder den Gründen für die Notsituation.“

Als im Jahr 1974 die Flachdach-Gebäude auf dem vor unbefugten Besuchern geschützten Gelände zwischen der Krahnenstraße und den Vereinigten Hospitien gebaut wurden, kamen dort auch alleinerziehende Frauen unter, die heute ohne größere Probleme Teil der Gesellschaft sind. „Heute sind die Probleme der Frauen andere und ihre Kinder anders gefährdet“, weiß Bergmann. „Ursachen für Notlagen sind häufig sexuelle Gewalt und Armut, die zu psychischen Erkrankungen führen. Oft geht es auch um Alkohol und Drogen.“  Für diese Frauen und Mütter hat der SKF in den vergangenen Jahrzehnten ein komplexes Netzwerk der Hilfe aufgebaut. Mit 190 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist der Verein und seine gemeinnützige GmbH Annastift ein wichtiger Arbeitgeber in der Region. Das Angebot reicht von Übernachtungsmöglichkeiten für obdachlose Frauen über betreutes Wohnen bis hin zu Wohnungsangeboten für Frauen in Notsituationen. Das wird derzeit von etwa 60 Frauen und Kindern regelmäßig wahrgenommen. Weitaus mehr Menschen nutzen das umfassende Beratungs- und Betreuungsangebot des SKF, zu dem auch zwei Kindertagesstätten, ein Betreuungsverein, die Tagespflege und die Trierer Tafel gehören.

Vor allem das Haus Maria Goretti und die Mutter-Kind-Einrichtung Annastift sind aber in die Jahre gekommen. Für insgesamt sechs Millionen Euro wird deshalb – vor den Blicken der Öffentlichkeit weitgehend verborgen  – bis zum Frühjahr 2019 alles auf den Kopf gestellt. Es wird entkernt, saniert, neu zugeordnet. Bautafeln an dem eingerüsteten Gebäude des zukünftigen Annastifts künden zumindest aufmerksamen Autofahrern und Passanten am Krahnenufer von der Großbaustelle.   „Wir brauchen funktionierende Gebäude, um unsere Arbeit gut machen zu können“, sagt Regina Bergmann. Beim gemeinsamen Rundgang mit dem Trierischen Volksfreund führt sie über das Gelände, durch die drei bereits fertigen Flachbauten, die geschützt im inneren des Geländes liegen, und in die aktuelle Großbaustelle. Die Geschäftsführerin kennt jeden Flur, jeden Raum, auch im noch vollkommen unübersichtlichen Rohbau. „Wir sind komplett im Zeitplan und liegen bei den Kosten sogar besser als veranschlagt“, sagt sie stolz. Das sei ein Ergebnis der guten Planung, mit der bereits 2015 begonnen worden sei. „Wir haben großen Wert darauf gelegt, mit Betrieben aus der Region zusammenzuarbeiten. Das war gut so, denn inzwischen ist ein wirkliches Team für alle Baufragen entstanden.“ Modern und zweckmäßig, vor allem aber mit mehr Rückzugsmöglichkeiten und eigenen Bädern sind die Einzimmer-Apartments und Wohngruppen nun ausgestattet. In einem der kleinen Innenhöfe zwischen der bereits fertigen  Jugendwohngruppe und dem Bereich der Intensivbetreuung kommt sie ins Schwärmen. „Im Sommer wird es hier wirklich schön. Ein Dorf in der Stadt, das ist unsere Philosphie.“

Finanziert wird das Sechs-Millionen-Projekt überwiegend aus Eigenmitteln und Spenden. „Wir hoffen natürlich auch auf einen Landeszuschuss“, verrät Regina Bergmann.Cindy und einige andere junge Frauen wohnen bereits in neuen Zimmern. Sie haben dort auch eine zuverlässige Bezugsperson. Durch Stabilität und  Struktur im Alltag bekommen sie eine Chance, doch noch was aus ihrem Leben zu machen.

S2 Architekten Heiko Simon
S2 Architekten Heiko Simon FOTO: Schramm, Johannes / TV