| 20:38 Uhr

So soll das Karl-Marx-Denkmal aussehen

Trier. Keine stalinistische Überhöhung, sondern moderne Kunst mit Distanz zum Original: Die Stadt hat den Entwurf für die Karl-Marx-Statue vorgestellt, die China Trier zum 200. Geburtsjahr ihres großen Sohnes schenken will. Christiane Wolff

Trier. Keine gereckte Faust, kein markiger Gesichtsausdruck, keine makellose Oberfläche: Der Entwurf für die Karl-Marx-Statue, die China Trier zum Jubiläumsjahr 2018 schenken will, ist - zumindest vom Äußeren her - nicht verdächtig, den Sozialismus verherrlichen zu wollen. Entsprechend gelöst ist die Stimmung bei der Vorstellung der Miniatur im Rathaus. "Ich übergebe das Wort an meinen Chef-Marxisten", scherzt Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD). Baudezernent Andreas Ludwig (CDU), im Stadtvorstand zuständig für die heiß diskutierte Gabe aus China, pariert: "Dass ich mich als Schwarzer mal so für Karl Marx einsetze, hätte ich mir einst auch nicht träumen lassen. Aber er ist nun mal einer der bedeutendsten Philosophen, einer der bekanntesten Deutschen überhaupt, ein Sohn Triers - und in dieser Hinsicht fühle ich mich nun auch ein bisschen geehrt durch die Bezeichnung Chef-Marxist." Der Skulpturenentwurf gefalle ihm persönlich sehr, "das können wir sehr gut in Trier zeigen!", betont der Architekt.
Die Größe bleibt


Hätte der Künstler Wu Weishan eine Figur im Kunststil des stalinistischen Realismus vorgelegt, wäre die Sache heikel geworden. "Eine klassisch stalinistisch-kommunistische Statue darf es nicht werden!", hatte Oberbürgermeister Leibe im Oktober betont (der TV berichtete).
Tatsächlich überhöht der Entwurf Marx nicht. Die Statue hat den Blick in die Ferne gerichtet. Augenbrauen und Stirn wirken gerunzelt und geben dem Gesicht einen nachdenklichen und - in Kombination mit dem leicht vorgestreckten Kinn - einen leicht eigensinnigen Ausdruck. Die linke Hand hält ein Buch, was für die große Schriftgelehrtheit des Philosophen stehen könnte. Die rechte Hand greift zum Revers des Gehrocks, in den eine leichte Windbö gefahren zu sein scheint. Die Oberfläche der Statue ist zerschrunden. Obwohl in der Figur Marx klar zu erkennen ist, nimmt das Kunstwerk so eine Distanz zu seinem realen Vorbild ein.
Stellprobe auf Simeonstiftplatz


Nichts geändert hat sich an der angekündigten Größe: Der Sockel soll 1,40 Meter hoch werden, die Figur 4,90 Meter, macht zusammen 6,30 Meter. Viele Details sind noch offen - etwa, ob der Sockel aus Naturstein oder bloß aus mit Naturstein verkleidetem Beton bestehen soll. Gegenüber dem TV hatte Weishan bei seinem Besuch in Trier im Januar angekündigt, die Skulptur aus Bronze fertigen zu wollen. Ob sie in China oder in Trier gegossen wird, steht noch nicht fest. Am Donnerstag dieser Woche wollen Ludwig und Leibe mit dem Künstler persönlich telefonieren, um Einzelheiten zu klären. Ebenfalls in nächster Zeit soll das Foto der Miniatur vergrößert und auf Holz aufgezogen werden. Holz- plus Sockelmodell sollen dann auf dem Simeonstiftplatz einen Eindruck davon vermitteln, wie das Kunstwerk später an seinem Standort wirken wird. Zur Stellprobe wird auch die Öffentlichkeit eingeladen. "Wir wollen einen offenen, transparenten Prozess und Dialog mit den Bürgern", betont Leibe. Bei seiner Sitzung am 8. März soll der Stadtrat letztlich entscheiden, ob Trier das große Geschenk aus China annimmt oder nicht. Die Entscheidung ist nicht nur wegen der ideellen Bedeutung der Statue nötig. Generell ist der Rat gefragt, wenn Dritte der Stadt Geschenke oder Zuwendungen im Wert von mehr als 50 000 Euro machen.
Was die Karl-Marx-Statue tatsächlich wert sein wird, ist schwierig zu beziffern. "Auf jeden Fall eine höhere sechsstellige Summe", schätzt Oberbürgermeister Leibe. Nicht nur wegen der wertvollen Bronze. Wu Weishan ist ein international beachteter Künstler. Aber ohne konkretes Käuferinteresse ist eine Statue generell schwierig zu taxieren. Im Vermögenshaushalt der Stadt wird aber auch für die Karl-Marx-Statue ein Posten gelistet werden müssen.Extra

Keine Statue gibt es für den kleinen Platz an der Ecke Brücken-/Jüdemerstraße vis-à-vis des Geburtshauses von Karl Marx. Der Eckplatz war anfangs für die Skulptur aus China vorgesehen, hatte sich aber als zu klein erwiesen (der TV berichtete mehrfach). Nach dem Rückzieher vereinbarte der Verein Karl-Marx-Viertel mit der Stadt, dass der Platz trotzdem aufgewertet werden soll. Angedacht war zunächst eine kleinere Karl-Marx-Statue, etwa auf einer Bank sitzend. "Alle Kunstschaffenden und andere Leute, die davon Ahnung haben, haben uns davon allerdings abgeraten - eine solche Figur, die wohl primär als Fotomotiv dienen würde, könnte leicht ins Kitschige abrutschen", erklärte allerdings Baudezernent Andreas Ludwig am Montag. Der Platz soll stattdessen durch ein neues Pflaster aufgewertet werden, in das Streifen aus einem anderen Material eingelassen werden. Auf diesen Streifen sollen Karl-Marx-Zitate zu lesen sein. Die drei Bäume des Platzes bleiben erhalten, eine Gastro-Terrasse soll für mehr Aufenthaltsqualität sorgen. woc