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Stadt will auf den Straßen mehr Stärke zeigen

Trier. Trier - eine Stadt ohne Regeln, in der jeder macht, was er will? Keineswegs. Die Regeln gibt es, aber da ihre Einhaltung kaum kontrolliert werden kann, machen tatsächlich viele, was sie wollen. Das soll sich ändern: Triers eigene Ordnungshüter bekommen Verstärkung. Jörg Pistorius

Trier. Es ist die größte Aufstockung der letzten 15 Jahre: Der kommunale Vollzugsdienst des Trierer Ordnungsamts erhält vier neue Mitarbeiter und wächst damit von acht auf zwölf Einsatzkräfte. Das reicht immer noch nicht für ein Schichtsystem rund um die Uhr, aber die Präsenz auf den Straßen des Stadtgebiets soll damit klar stärker werden - und die Zahl der Kontrollen soll steigen.
Der Begriff Ordnungshüter ist zwar fest mit der Polizei verbunden, passt aber ebenso zu den Einsatzkräften des kommunalen Vollzugsdienstes. Sie sind der starke Arm des Ordnungsamts und deshalb im wörtlichen Sinn die Hüter der Ordnung im Trie rer Stadtgebiet. Mit dieser Ordnung steht es nicht immer zum Besten. Das ist mathematisch gesehen kein Wunder, denn der kommunale Vollzugsdienst der Großstadt Trier hat bisher nur acht Mitarbeiter.
Damit ist Trier absolutes Schlusslicht unter den großen Städten in Rheinland-Pfalz. Kaiserslautern hat 18 Vollzugsbeamte, Koblenz 21, Ludwigshafen 28 und Mainz sogar 32. "Bisher hat der politische Wille gefehlt, das Team zu vergrößern", sagt Ordnungsdezernent Thomas Egger. Damit meint er den Trierer Stadtrat, der in den vergangenen Legislaturperioden keinen klaren Impuls geliefert oder Beschluss gefasst habe, mehr in die Besetzung des Vollzugsdienstes zu investieren. Auch aktuell steht ein anderes Team innerhalb des Ordnungsamts im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit: der Verkehrsüberwachungsdienst, der den Falschparkern in der Innenstadt das Handwerk legen soll (der TV berichtete).
Zwei der vier neuen Stellen hatte Egger laut eigener Aussage bereits zusammen mit Triers Ex-Oberbürgermeister Klaus Jensen geschaffen. Dann kamen die Neuwahl und der Wechsel, Wolfram Leibe übernahm das Steuer im Rathaus. "Herr Leibe sieht dieses Thema mit noch mehr Sensibilität", berichtet Egger. Das Ergebnis sind zwei weitere neue Stellen.
Von acht auf zwölf - dennoch plant Egger kein Einsatzsystem in drei Schichten rund um die Uhr, wie es der Vollzugsdienst in Mainz hat. "Die neuen Kollegen werden die beiden bestehenden Schichten verstärken", sagt der Ordnungsdezernent. Das Bewerbungs- und Auswahlverfahren laufe noch.
Wer sich die Liste der Zuständigkeiten ansieht, denen sich der kommunale Vollzugsdienst täglich stellen muss, der würde wahrscheinlich nicht zwölf, sondern 50 Einsatzkräfte für angemessen halten. Die Mitarbeiter erleben immer wieder die gesamte Bandbreite menschlichen Elends. Sie werden zu hilflosen Personen gerufen, die ohne Pflege allein in mit Müll vollgestopften und total verdreckten Wohnungen leben.
Sie werden auch gerufen, wenn der Verwesungsgestank eines unbemerkt gestorbenen Menschen aus seiner Wohnung ins Treppenhaus dringt und die Nachbarn schließlich den Notruf absetzen. Sie müssen sich um gequälte und halb verhungerte Tiere kümmern, deren Halter sie in winzigen Wohnungen einsperren und dort leiden lassen. Sie müssen psychisch Kranke und Süchtige in Krankenhäuser oder spezielle Einrichtungen bringen.
Und dann haben sie sich noch um kein einziges der Problemfelder gekümmert, über die sich die Trierer und ihre Besucher sehr schnell aufregen können: durch die Fußgängerzone rasende Radfahrer, in Endlosschleife Ave Maria dudelnde Straßenmusiker, organisierte Bettler im Auftrag krimineller Banden. All das ist in der Innenstadt verboten, spielt sich aber dennoch täglich dort ab.
Thomas Egger ist sicher: "Eine höhere Kontrolldichte wird Verbesserungen bringen. Das beweisen aktuell auch unsere Tempokontrollen im Straßenverkehr."
Meinung

Die zentrale moralische Größe
Ich akzeptiere und befolge nur Regelungen, deren Sinn ich tatsächlich einsehe. Ein Motto, das viele Menschen in Trier mit großer Selbstverständlichkeit anwenden, auch wenn sie es in dieser Form niemals offen zugeben würden. Sie sehen sich selbst als zentrale moralische und rechtliche Größe an und machen im Endergebnis tatsächlich, was sie wollen. Sie parken, wo sie wollen. Sie sind so laut, wie sie wollen. Sie radeln durch die Fußgängerzone, wann und wie schnell sie wollen. Appelle an den gesunden Menschenverstand und das Gemeinwohl verhallen normalerweise wie ein Seufzen im Sturm. Die einzige wirksame Abschreckung ist die Furcht vor einem Bußgeld. Die Verstärkung des kommunalen Vollzugsdienstes ist deshalb absolut sinnvoll und längst überfällig. Und nebenbei: Auch das Team der Verkehrsüberwachung braucht klar mehr Mitarbeiter, ebenso wie die zweite Gruppe uniformierter Ordnungshüter - die Polizei. j.pistorius@volksfreund.de