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Geschichte
30 Jahre Arbeitskreis Trier im Nationalsozialismus: Gegen das Vergessen

Der Arbeitskreis „Trier im Nationalsozialismus“ hat auch die Stolpersteine, die in der Stadt an deportierte Juden erinnern, 2005 mit initiiert.
Der Arbeitskreis „Trier im Nationalsozialismus“ hat auch die Stolpersteine, die in der Stadt an deportierte Juden erinnern, 2005 mit initiiert. FOTO: LH
Trier. 30 Jahre Arbeitskreis Trier im Nationalsozialismus: Die Erinnerung an die Gräueltaten wach zu halten, ist wichtiger denn je. Von Ludwig Hoff

Die Antwort auf die Frage „Schlussstrich oder Doppelpunkt? – Wozu noch an die Nazi-Zeit erinnern?“ war genauso schnell gefunden wie eindeutig bei der Gesprächsrunde aus Anlass des 30-jährigen Bestehens des Arbeitskreises (AK) „Trier im Nationalsozialismus“ in der Volkshochschule am Domfreihof. Die rechtsradikalen und antisemitischen Ausschreitungen der vergangenen Tage und Wochen in Chemnitz und anderswo mussten dafür gar nicht erst herangezogen werden. Trotzdem machen die aktuellen Ereignisse deutlich, wie relevant die Frage immer noch ist – mehr als 70 Jahren nach dem Ende der Schreckensherrschaft von Adolf Hitler.

„Gedenkarbeit ist angesichts der Verharmlosung der Nazizeit und des Hasses gegen Minderheiten wichtiger denn je“, sagte Markus Pflüger von der 1969 gegründeten Arbeitsgemeinschaft Frieden (AGF) in Trier, unter deren Dach der AK ins Leben gerufen wurde – und seither äußerst lebendig agiert. Ohne den am 4. Oktober 1988 gegründeten AK „Trier im Nationalsozialismus“ würde sehr viel fehlen bezüglich der Erinnerungsarbeit in der Stadt im Sinne eines „Nie wieder“.

Die Gedenkarbeit soll an den Umstand, dass es immer weniger Zeitzeugen gibt, die die nationalsozialistische Diktatur von 1933 bis 1945 selber erlebt haben, angepasst werden. Den „fitten und sehr engagierten Leuten“ des AK werde die neue Ausrichtung der Erinnerungskultur jedoch gelingen, prognostizierte Pflüger. Das sieht auch Thomas Zuche so, Ideengeber und Mann der ersten Stunde im Arbeitskreis. Er erinnerte an den ersten Rundgang zu den Trierer Stätten der NS-Verfolgung und des Widerstands am 8. Mai (Tag der Befreiung) 1985 unter der Überschrift „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus“. Nicht überall sei diese Aktion damals auf Zustimmung oder Wohlwollen gestoßen. „Was macht ihr die Trierer Geschichte schlecht“ hätten die Vorwürfe gelautet. In der Stadt seien damals Aufkleber mit der Aufschrift „Niederlage feiern – nein danke“ aufgetaucht. Trier sei stolz auf die Römer – da sei die Nazi-Zeit nur eine kleine Episode gewesen, berichtete Zuche darüber, was die Gegnern des Arbeitskreises damals ins Feld führten.

Mit den Jahren habe allerdings ein Bewusstseinswandel eingesetzt bis zuletzt die Thematisierung des dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei. In den 30 AK-Jahren hätten sich mehr als 30 Frauen und Männer zwischen 17 und 69 Jahren für das Nicht-Vergessen eingesetzt, berichtete Zuche.

Die Tätigkeit des AK erschöpft sich nicht nur in den gerade von Schulklassen stark frequentierten Stadtrundgängen, sondern gestaltet sich sehr viel breiter, etwa in der Veröffentlichung von Büchern, Heften und Broschüren. Auch als 2005 der erste Stolperstein in Trier verlegt wurde, war der AK als Koordinator mit dabei.

Unter der Überschrift „Täterrundgang“ arbeite man derzeit an einem neuen Stadtrundgang. Unter dem Titel „Helfer und Retter“ soll von Bewohnern mit Zivilcourage berichtet werden, um zu zeigen, dass es auch Widerstand in Trier gegeben hat.

Oberbürgermeister Wolfram Leibe gratulierte zu der Entscheidung von damals, den Arbeitskreis ins Leben zu rufen. „Flagge zeigen“, sei wichtiger denn je für das gemeinsame Anliegen, aus der Geschichte zu lernen und sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Unter der Moderation von Nicole Mertes vom Südwestrundfunk diskutierten Dieter Burgard (Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen zur NS-Zeit), Lutz Raphael (Historiker, Uni Trier), Ulrike Winkler und Thomas Zuche (beide AGF-AK-Mitarbeiter).