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Trier: Flüchtlinge ziehen in Zelte ein - Caritas-Direktor: "Das ist eine Notlösung"

Fabian Knospe von Deutschen Roten Kreuz, AfA-Leiter Frank-Peter Wagner und Caritas-Direktor Bernd Kettern in dem beheizten Zelt, in dem bis zu 200 Menschen unterkommen sollen
Fabian Knospe von Deutschen Roten Kreuz, AfA-Leiter Frank-Peter Wagner und Caritas-Direktor Bernd Kettern in dem beheizten Zelt, in dem bis zu 200 Menschen unterkommen sollen FOTO: Marcus Stölb
Trier. Eigentlich sollte sie die zentrale Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende in Trier-Nord vorübergehend entlasten – die AfA-Außenstelle im Westen der Stadt. Doch weil nun beide Standorte völlig überfüllt sind, wurden Großraumzelte aufgestellt. Dass sich die Situation bald entspannen könnte, scheint fraglich. Vor allem aus dem Kosovo hält der Zuzug an. Marcus Stölb

Achille Mingere ist da und scheint doch weg. Die Hände in den Hosentaschen steht der Zentralafrikaner am Rand und verfolgt mit traurig glasigen Augen das Geschehen auf der Wiese. Zwei Zelte wurden aufgebaut, außerdem ein Dutzend Dixi-Klos. Vergangenen Dienstag kam Mingere nach Trier, in eine Stadt, von der er nie zuvor gehört hatte. Der Krieg habe sein Geschäft zerstört, berichtet der 30-Jährige, die Frau und seine beiden Kinder seien in Kamerun. "Sehr hart" sei das, sagt Achille Mingere. Was er sich wünscht? "Dass meine Familie in Sicherheit ist und sie wiedersehe, und dass ich arbeiten kann."

Die Außenstelle der Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende (AfA) am Samstagnachmittag: Die Festzelte stehen, doch zum Feiern ist niemandem zumute. "Hier kommen rund um die Uhr Menschen an", berichtet AfA-Leiter Frank-Peter Wagner. Der freundliche Mann strahlt etwas Unaufgeregtes aus. Annähernd 800 Flüchtlinge aus mehr als 30 Nationen sind in der AfA-Außenstelle (siehe Extra) untergebracht, alles spricht dafür, dass es noch mehr werden. Deshalb die beiden Zelte, in denen Fabian Knospe und seine Kollegen vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) Feldbetten aufstellen und Decken verteilen. Zwischen 150 und 200 Menschen sollen in denbeheizten Zelten Platz finden.

Es ist der Versuch, allen Ankommenden ein Bett und Dach über dem Kopf zu bieten. "Das ist eine Notlösung", sagt Caritas-Direktor Bernd Kettern und ergänzt: "Für uns ist das hier die wohl größte logistische Herausforderung in der Geschichte unseres Verbandes." Er muss es wissen, Kettern ist schon lange dabei. Als ihn im Herbst 2013 Wagners Vorgänger anrief, war von einigen Flüchtlingen die Rede, die es zu versorgen gelte. Spontan sagte Kettern zu. Binnen weniger Monate sorgten Land, Stadt und Caritas dafür, dass die ehemalige General-von-Seidel-Kaserne als AfA-Außenstelle dienen konnte.

Dabei hielt das Rathaus den Standort im Westen erst für völlig ungeeignet. Als das Land jedoch zusicherte, die Kaserne lediglich für männliche Einzelreisende und für eine begrenzte Zeit nutzen zu wollen, gab die Stadt grünes Licht. Dann überrollte die Entwicklung die Verantwortlichen. Statt der ursprünglich 150 kommen nun deutlich mehr Menschen hier unter. Auf den Wiesen spielen Kinder, längst werden auch Familien in der AfA-Außenstelle einquartiert. Bis zu vier Wochen bleiben sie hier, dann werden sie auf die Kommunen verteilt.

Der Plan der AfA, das Provisorium nach rund einem Jahr wieder zu schließen, ging nicht auf. Auch weil die Erweiterung der Aufnahmeeinrichtung in Ingelheim nicht wie ursprünglich vorgesehen bis Ende 2014 fertiggestellt war. Nun heißt es, Mitte des Jahres werde es soweit sein. Bis dahin fehlt es hinten und vorne an Platz für Flüchtlinge, weshalb das Ganze zu einem Politikum wird. Kritik kommt von CDU und Linken: Die Menschen im Winter in Zelten unterzubringen, lasse sich schwerlich als humane Flüchtlingspolitik bezeichnen. Doch eine solche hätten vor allem die Grünen versprochen. Deren Integrationsministerin Irene Alt kontert: Alle Standorte seien überfüllt, man habe handeln müssen.

Gehandelt haben vor allem Wagner, Kettern und ihre Teams, und das schnell. Am Donnerstag wurde der AfA-Leiter informiert, dass Zelte her müssten; am Samstag standen sie. Sonntagabend sollten die ersten Betten belegt werden. "Die Zelte haben einen festen Boden und sind geheizt. Die Menschen bleiben nur einige wenige Tage dort", erklärt Wagner. Anschließend würden sie in feste Unterkünfte wechseln, kündigt er an, ergänzt aber: "Das ist jedenfalls das Ziel."

Auf internationale Fluchtbewegungen hat Wagner keinen Einfluss. Eine weitere Eskalation in der Ukraine mit europäischen Flüchtlingsströmen als Konsequenz würde alle Pläne zunichtemachen. Man fahre auf Sicht, hoffe, dass die Entwicklung gebremst wird. "Wir müssen die Ursachen von Flucht bekämpfen", verlangt Kettern. Und die Ministerin sagt mit Blick auf die große Zahl an Flüchtlingen aus dem Kosovo: "Nur wenn die Menschen realistisch einschätzen können, dass sie praktisch keine Chance haben, hier Asyl zu bekommen und Arbeit zu finden, kann die Massenabwanderung dieser Tage hoffentlich gebremst werden."
Extra



Derzeit gibt es in Rheinland-Pfalz neben der zentralen Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende (AfA) in Trier-Nord zwei Außenstellen: in Ingelheim und in der ehemaligen General-von-Seidel-Kaserne in Euren. Letztere wurde im Februar 2014 in Betrieb genommen und sollte ursprünglich nur für die Unterbringung männlicher Einzelflüchtlinge dienen. Wurden anfangs 150 Menschen hier untergebracht, verteilen sich auf mehrere Gebäude nun etwa 800 Menschen. Damit beherbergt die Außenstelle inzwischen annähernd so viele Flüchtlinge wie die zentrale AfA. Die Mainzer Integrationsministerin Irene Alt schließt nicht aus, dass auch in Ingelheim bald ein Zelt aufgebaut werden muss. Die Einrichtung in Ingelheim wird derzeit ausgebaut. Zudem plant das Land, in einer Kaserne in Hermeskeil (Kreis Trier-Saarburg) eine zusätzliche Erstaufnahmeeinrichtung einzurichten. mst

Achille Mingere aus Kamerun lebt in der Aufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge.
Achille Mingere aus Kamerun lebt in der Aufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. FOTO: Marcus Stölb