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Trier kämpft für die blaue Lagune

Trier. Ein blau leuchtender Spritversorger entfacht Leidenschaft: Mittlerweile protestieren Tausende im Internet gegen die drohende Schließung der Aral-Tankstelle in der Trierer Ostallee. Der massive Einsatz vieler Trierer für ihre blaue Lagune gibt offenbar auch den Entscheidern im Stadtrat zu denken: Die FWG stellt sich als erste Fraktion gegen die Schließung. Jörg Pistorius

Trier. Das Internet bietet viele Plattformen des Widerstandes. Spitzenreiter ist das soziale Netzwerk Facebook: Dort hat die Petition "Gegen die Schließung der Aral Tankstelle Ostallee" mittlerweile 3864 Unterstützer. Diese Petition läuft auch auf der Plattform Open Petition, hier haben schon 152 Leser unterschrieben. Sie alle fordern die Stadt auf, den seit 1955 laufenden Pachtvertrag nicht zum Ende des Jahres 2012 auslaufen zu lassen. Wir brauchen keinen neuen Radweg in der Ostallee, sagen sie. Die Tankstelle sei ein Stück urbane Kultur und die einzige Möglichkeit für Nachtschwärmer, rund um die Uhr einzukaufen. Außerdem biete sie 18 Menschen Lohn und Arbeit - und der Stadt jährlich 50 000 Euro an Pacht und Steuern. Nun werden solche Entscheidungen nicht auf Facebook getroffen, sondern im Stadtrat und seinen Ausschüssen. Und hier sind die Würfel gegen die Tankstelle bereits 2009 gefallen (siehe Extra). Der Dezernatsausschuss IV hat sich unter der Leitung von Baudezernentin Simone Kaes-Torchiani (CDU) mehrheitlich entschieden, den Pachtvertrag Ende 2012 auslaufen und die blaue Lagune nach 57 Jahren aus der Ostallee verschwinden zu lassen. Doch diese Beschlusslage kann sich ändern. Die Freien Wähler haben sich in ihrer Fraktionssitzung am Montagabend darauf geeinigt, das Thema im November per Antrag auf die Tagesordnung des Stadtrats zu bringen und sich gegen die Schließung zu stellen. Peter Spang (FWG) begründet diesen Schritt: "Die vom Baudezernat vorgebrachten Argumente sind für die FWG-Fraktion keineswegs schlüssig. Beschwerden der Anwohner über Lärm- und Geruchsbelästigungen sowie erhebliche Störungen der Nachtruhe sind den Mitgliedern der FWG-Fraktion bisher nie zu Ohren gekommen." Auch auf die jährlichen Einnahmen durch Pacht, Gewerbesteuer sowie andere Abgaben darf die Stadt nach Meinung der FWG im Hinblick auf ihre finanzielle Situation nicht verzichten. Dieses Argument spielt nach TV-Informationen auch in der CDU eine wichtige Rolle. Die Christdemokraten haben sich ebenfalls in ihrer Fraktionssitzung am Montagabend mit der blauen Lagune beschäftigt. Noch hat die Fraktion keine eindeutige Haltung, informiert Thomas Albrecht. "Meiner persönlichen Ansicht nach können wir nicht auf die Einnahmen verzichten, die uns die Tankstelle bietet." Der internetaffine Staatsanwalt Albrecht diskutiert auch auf Facebook mit: "Es stellt sich die Frage, ob wir diesen Radweg überhaupt brauchen."

Leserbriefe zum Thema

Meinung

Unfreiwillig komisch
Aral will einen Radweg um die Tankstelle herum finanzieren, um den Standort halten zu können. Aber Trier will lieber auf dieses Angebot, jährliche 50 000 Euro und 18 Arbeitsplätze verzichten, um an dieser Stelle einen noch komfortableren Radweg ohne die Tankstelle bauen zu können. Trier als Stadt der bequemen Luxus-Radwege - allein das ist schon paradox und geradezu unfreiwillig komisch. Doch ebenso seltsam ist das Verhalten der Mandatsträger, und zwar von Anfang an. Zuerst entscheidet der Dezernatsausschuss IV hinter verschlossenen Türen, den Pachtvertrag nicht zu verlängern, weil es Beschwerden von Anwohnern gegeben habe. Beschwerden, von denen offenbar weder der Pächter noch die Entscheider in den Fraktionen wissen, die aber dennoch zum entscheidenden Faktor wurden. Auf die Ansichten der wesentlich größeren Masse an Tankstellen-Befürwortern reagieren die Mandatsträger erst nach massiven Missfallenskundgebungen im großen Netz. Die im Rat sitzenden Gegner einer Schließung der blauen Lagune formieren sich erst jetzt. Es stellt sich die Frage, wo sie waren, als 2009 der Beschluss im Ausschuss fiel. j.pistorius@volksfreund.de

Extra

Im März 2009 hat der Dezernatsausschuss IV in nichtöffentlicher Sitzung beschlossen, den Pachtvertrag zum Ende des Jahres 2012 auslaufen zu lassen. Die Hauptargumente waren die Lärm- und Geruchsbelastungen für die angrenzenden Wohnhäuser und eine Störung der Nachtruhe durch den rund um die Uhr laufenden Tankstellenbetrieb. Nicht nur die an- und abfahrenden Autos seien ein Störfaktor, sondern auch einige Kunden, sie sich nachts mit Alkoholika versorgen. Lothar Schmitz, seit 1993 Pächter der Tankstelle, kann sich nur an eine einzige Ruhestörung erinnern, die gemeldet worden ist, und deren Ursache war ein Staubsauger. Schmitz beschäftigt fünf Vollzeitkräfte, einen Azubi und studentische Aushilfen. Bis zu 2000 Kunden besuchen die Tankstelle täglich, der Jahresumsatz liegt bei 1,5 Millionen Euro. Der Aral-Konzern will den Standort Ostallee halten und hat angeboten, einen Radweg um die Tankstelle herum zu finanzieren. Doch die Stadt will eine komfortablere Lösung und einen getrennten Zweirichtungsradweg. jp