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Stadtentwicklung
Erste Auflage „Trierer Gespräche“: Was bleibt von Karl Marx?

Thomas Roth, Chefredakteur des Trierischen Volksfreunds, Autor Johannes Kram, Oberbürgermeister Wolfram Leibe, CDU-Bundestagsabgeordneter a.D. Bernhard Kaster und die Vorsitzende der Bundesvereinigung City- und Stadtmarketing Deutschland, Bernadette Spinnen (vorne, von links) - hier noch im Publikum - diskutierten vor und mit rund 80 Zuhörern darüber, wie es mit Karl Marx weitergehen soll in Trier.
Thomas Roth, Chefredakteur des Trierischen Volksfreunds, Autor Johannes Kram, Oberbürgermeister Wolfram Leibe, CDU-Bundestagsabgeordneter a.D. Bernhard Kaster und die Vorsitzende der Bundesvereinigung City- und Stadtmarketing Deutschland, Bernadette Spinnen (vorne, von links) - hier noch im Publikum - diskutierten vor und mit rund 80 Zuhörern darüber, wie es mit Karl Marx weitergehen soll in Trier. FOTO: TV / Hans Krämer
Trier. Die Geburtstagsparty ist vorbei, die Gäste – respektive Touristen – wieder zu Hause. Wie soll es nun weitergehen mit Karl Marx und Trier? Über die Chancen, die die „Marke Marx“ der Stadt bietet, diskutierten bei den ersten „Trierer Gesprächen“ Experten und Bürger – und waren dabei nicht immer einer Meinung. Von Christiane Wolff
Christiane Wolff

Das Podium war gut besetzt bei den ersten „Trierer Gesprächen“ (siehe Info) am Montagabend im Kasino am Kornmarkt. Auf der rechten Seite – vom Publikum aus gesehen – der Ex-CDU-Bundestagsabgeordnete Bernhard Kaster, scharfer Kritiker der Karl-Marx-Statue am Simeonstiftplatz und ständiger Mahner, Karl Marx getrennt von den Gräueln des real existierenden Sozialismus zu sehen. Ganz links: Johannes Kram, gebürtiger Trierer, Schriftsteller und Autor des Ein-Personen-Stücks „Marx! Love! Revolution!“, das im Marx-Jahr statt der geplanten 20 Mal ganze 50 Mal als furioser Streifzug durch die Innenstadt aufgeführt wurde. Marx müsse nicht immer mit dem Hinweis auf die DDR garniert werden, „wir hängen ja auch nicht an jede Kirche ein Schild ,Achtung, in Kirchen wurden Messdiener missbraucht“ – so der provokanteste Redebeitrag des Wahl-Berliners.

Zwischen und neben Kaster und Kram hatten Oberbürgermeister Wolfram Leibe und Bernadette Spinnen, Vorsitzende der Bundesvereinigung City- und Stadtmarketing, der 400 Städte in Deutschland angehören, Platz genommen. In der Mitte: Thomas Roth, Chefredakteur des Trierischen Volksfreunds und Moderator der Gesprächsrunde.

Statt eines Rückblicks aufs Marx-Jubiläumsjahr – zu dem schon so viel gesagt und geschrieben wurde – ging’s um den Blick in die Zukunft: Wie geht’s weiter nach der großen Geburtstagsparty? Welchen Umgang mit ihrem größten Sohn wollen die Trierer künftig pflegen? Und wie kann die Stadt von der „Marke Marx“ profitieren?

Dass der alte Karl im 201. Jahr nach seiner Geburt wieder komplett in der Schublade verschwindet, dürfe nicht passieren, Trier müsse sich weiter mit ihm auseinandersetzen – darüber herrschte soweit Einigkeit. Über das „Wie?“ dagegen nicht.

„Es darf nicht sein, dass sich jetzt alle auf den angeblich so hippen Karl Marx stürzen und die Römer als vermeintlich altes Thema abgetan werden!“, betonte Kaster. „Trier hat neun Weltkulturerbestätten, das Christentum hat hier seinen Anfang genommen, wir sind eine der bedeutendsten Wein- und Sektregionen, wir haben die europäische Lage und Persönlichkeiten wie Oswald von Nell-Breuning. Marx müssen wir in Relation dazu sehen – zumal er eine sehr streitbare Figur ist angesichts seiner Wirkungsgeschichte.“

Die Münsteranerin Spinnen griff Kasters Bedenken auf: „Der Markenkern einer Stadt besteht immer aus mehreren Facetten. Im Moment ist es allerdings so, dass wenn man ,Trier’ hört, ,Römer’ denkt – was auch eine gewisse Gefahr birgt für das Image der Stadt. Die Beschäftigung mit Marx könnte da frische Dynamik reinbringen – und eine Chance für Trier auf Weiterentwicklung!“

Ideen, wie Marx konkret im Stadtleben verankert werden könne, kamen auch aus dem rund 80-köpfigen Publikum: „Man könnte alljährlich ein Theaterstück inszenieren, das von links und rechts der Bühne von Karl Marx und Jenny von Westphalen kommentiert wird, aus Sicht der marxschen Philosophie und mit Bezügen zu aktuellen gesellschaftlichen Themen“, schlug Klaus Reeh, Vorsitzender des Tufa-Kulturvereins, vor.

„Vielleicht könnten wir vom Bistum lernen, das die Heilig-Rock-Wallfahrt alljährlich in den Heilig-Rock-Tagen mit großem Programm aufgreift: Jedes Jahr eine Karl-Marx-Woche mit wissenschaftlichen Symposien, Theater oder auch Revolutionsliederabenden – da gibt es so viel, was machbar wäre“, regte eine Frau aus dem Publikum an.

„Bei den Antikenfestspielen haben sich Schauspieler im Amphitheater als Gladiatoren die Köpfe eingeschlagen – das ist auch nicht gerade der kritischste Umgang mit Historie“, warf ein Zuhörer halb ironisch ein – um davor zu warnen, aus Angst vor Marx’ das Thema gar nicht erst anzugehen.

Oberbürgermeister Leibe betonte, dass Veranstaltungen zu Karl Marx nicht ins Beliebige, Banale abgleiten dürften, sondern dessen Relevanz für die Gegenwart in den Vordergrund gestellt werden müsse. „Ganz wichtig ist, dass die Trierer dahinterstehen – sonst kann man das Thema Marx nicht glaubwürdig im Stadtgeschehen verankern“, sagte Leibe.

Dass das Interesse der Trierer groß sei, habe man allerdings an den 3500 Bürgern gesehen, die zur Enthüllung der Karl-Marx-Statue am 5. Mai gekommen waren, an den 160 000, die sich die Ausstellungen in den Museen angeschaut haben und den 50 000 Bürgern, die beim Begleitprogramm dabei waren – unter anderem Theaterstücke, Lesungen, Diskussionen, Filmabende und Stadtführungen.