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Trierer Tornado vor 25 Jahren: Szenen wie aus einem Science-Fiction-Film

Trier. Abgedeckte Dächer, umgestürzte Bäume, etwa 65 zerstörte Autos: Der Tornado, der am 7. Oktober 1988, begleitet von Hagel und Gewitter, durch die Trierer Innenstadt zog, hat eine Schneise der Verwüstung durch die Stadt gezogen. Es gleicht fast einem Wunder: Nur vier Menschen wurden verletzt. Mechthild Schneiders

Trier. "Ich dachte, ich wär in einem Science-Fiction-Film." Er habe aus seinem Fenster in der Luxemburger Straße geschaut, als draußen das Unwetter tobte, berichtet ein Augenzeuge dem Trierischen Volksfreund. Es ist der 7. Oktober 1988, ein Freitag, gegen 16 Uhr. Kurz zuvor ist Feuerwehrmann Hans Hau mit Kollegen in einem Amphibienboot auf der Mosel unterwegs. Auf einmal sei es über Euren pechschwarz geworden. "Wir konnten unser Boot gerade noch rechtzeitig vertäuen", erzählt er 25 Jahre später dem TV.

Plötzlich bildet sich ein Orkan. "Mit einem Mal hob ein Bauwagen vom Boden ab, segelte durch die Luft, überschlug sich dreimal im Flug und landete dann krachend auf dem Boden, wo er zerbarst", sagt der Mann aus Trier-West. "Und dann ein Rumsen und ein Krachen - da kam das riesengroße Dach unseres Hauses angeflogen ..." Der Sturm habe es - so steht es im Bericht der Berufsfeuerwehr Trier - etwa 30 Meter weiter über eine Halle hinweg in Richtung Römerbrücke mit sich gerissen.

Mit bis zu 180 km/h fegt der Orkan weiter über die Mosel bis ins Aveler Tal, wo er sich auflöst. Die Wetterstation auf dem Petrisberg misst eine Spitzenböe von 104 km/h - das entspricht Windstärke 11, orkanartigem Sturm. "Solch ein Tornado ist bezogen auf einen Ort sicher ein Jahrhundertereignis", sagt Thomas Kesseler-Lauterkorn vom Deutschen Wetterdienst.

Am St.-Barbara-Ufer fällt der Tornado auf fast 200 Meter Bäume, reißt teils dicke Äste herab, die sich auf der Fahrbahn stapeln und insgesamt 65 Wagen zum Teil bis zur Schrottreife demolieren, rast weiter durch Kaiserstraße und Südallee, wo er ebenfalls Verwüstung hinterlässt. In der Neustraße schlägt ein Blitz in einen Kamin ein.

"Im Palastgarten brach ein dicker Baum um", erinnert sich Bernhard Simon vom Stadtarchiv, der das Fiasko von seinem Fenster aus beobachtet. Auch die Trauerweide am Weiher fällt dem Orkan zum Opfer. Am Landesmuseum deckt er einen Teil des Blechdachs über dem Anbau ab. Vor dem Haupteingang wird eine Frau durch herabstürzende Äste verletzt - sie ist eine von insgesamt vier Verletzen des Wirbelsturms, wie durch ein Wunder gibt es keine Toten. Auch aus der Kurfürstenstraße werden herabgestürzte Äste gemeldet.
90 Hilferufe gehen innerhalb weniger Minuten bei der Berufsfeuerwehr ein. Diese kann zuerst nicht ausrücken - sie muss sich die Ausfahrt durch abgeknickte Platanenwipfel und -äste freisägen. "Bei uns ist zur Zeit der Teufel los", bestätigt ein Beamter im Trierer Polizeipräsidium.Der Sturm knickt Schilder um


"Als wir aus dem Parkhaus an der Metzelstraße herausfahren wollten, gab es einen Riesen-Rückstau", erinnert sich Werner Gestrich aus Konz. Da habe er erstmals von einem Unwetter gehört; er habe beim Einkauf außer Regen und starkem Wind nichts mitbekommen. Derweil sind zahlreiche Straßen nicht mehr passierbar. Auch die Stadtwerke-Busse stecken fest: Zwischen 16.30 und 20 Uhr fährt keiner fahrplanmäßig.

Auf der Rückfahrt habe er das ganze Ausmaß der Katastrophe gesehen, erzählt Gestrich: "Die vorher bis zu 25 Meter hohen Bäume am Moselufer waren alle abgebrochen und versperrten die Straße, so dass wir über die Römerbrücke ausweichen mussten. In Trier-West sah ich ein etwa hüfthohes Tankstellenschild, das in Kniehöhe umgebogen war."

Insgesamt sind 100 Einsatzkräfte von Berufsfeuerwehr und acht Löschzügen der freiwilligen Wehren sowie 80 THW-Helfer am Freitag und Samstag im Einsatz.
Auch zahlreiche Privatleute beteiligen sich intensiv an den Aufräumarbeiten. Nach rund zwei Stunden haben sie die gröbsten Schäden behoben. Der Verkehr fließt wieder - außer am St.-Barbara-Ufer. Dort wird die Spur in Richtung Konz erst am Samstagnachmittag gegen 17 Uhr wieder freigeben.Extra

An der Wetterstation Trier-Pe-trisberg wird am 7. Oktober 1988 eine Windgeschwindigkeit von bis zu 104 km/h gemessen. Der Wert liegt unter dem Mittelwert der Messungen der letzten 42 Jahre. Die höchste Windspitze ist in diesem Jahr mit 30,4 m/s (entspricht 109,4 km/h) im März aufgetreten. Bei 143 km/h liegen sie im Juli 2000; im Juni 1994 zeigen sie 144 km/h an. Bisheriger Spitzenwert seit 1971: 154 km/h, gemessen im Februar 1990. mehi