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Trierisch Balaawern

Ich bin groß geworden ohne Papiertaschentücher. Die gab es nao em Kriesch (nach dem Krieg) noch nicht.

Und ein Taschentuch aus Tuch (wie der Name schon sagt) war nicht immer dabei. Besorgte Mütter hatten zwar stets gesagt: "Kugg, dattste ömmer e Saagdooch derbei haoss!" (Achte darauf, immer ein Taschentuch dabei zu haben!), aber wenn es zum Spielen auf die Straße ging, war die Mahnung leicht vergessen, und wenn Erkältungswetter herrschte, war das vielen Kindern anzusehen, weil die Nase sichtbar lief. Was da aus der Nase herausdrang, heißt im Hochdeutschen der Rotz und im Trierischen die Schnuudel. So eine Schnuudelnaos sah nicht besonders appetitlich aus, besonders wenn die Schnuudel bis auf die Oberlippe herunterrann. Die Trierische Mundart hatte für diesen optischen Leckerbissen die treffende Bezeichnung Gloggesaaler (Glockenseile). Die Schnuudel taucht in zahlreichen Wortverbindungen auf, bei denen es meist um Abwertendes geht. Wer im Hochdeutschen als Rotzjunge oder Rotzlöffel bezeichnet wird, heißt im Trierischen Schnuudeler, Schnuudelnaos, Schnuudelbaagen und Schnuudelbaddi. Als Schnuudelhuun (Huun = Huhn) wird eine überhebliche Frau beschimpft, Schnuudeldeer (Deer=Tier) ein unsauberes und Schnuudelböks (Böks = Büchse oder Dirne) ein vorlautes Mädchen. Das Adjektiv schnuudelisch bedeutet vorlaut und schleimig, das Verb schnuudeln meckern und maulen. Schnuudelisch Aaijer sind halbweich gekochte Eier. Wenn die Schnuudel in fester Form auftritt, heißt sie im Hochdeutschen Popel. Der Trierer hat dafür die Bezeichnung Baogen. Dieses Wort ist außerdem ein Schimpfwort für eine hässliche Person. Auch zwei Tiere werden mit der Schnuudel in Verbindung gebracht, nämlich das Truthuhn, das Schnuudelhuun genannt, wird und der Schnuudelbarf, ein Moselfisch namens Kaulbarsch. Wenn jemand etwas Tolles vollbracht hat und sich damit zu Recht brüstet, wenn er etwa in zwei Wochen veer Kilo aobgeholl (vier Kilo abgenommen) hat, ist der darauf stolz wie enn Schnuudel. Horst Schmitt ist gemeinsam mit Josef Marx Autor des Trierer Wörterbuchs. Die beiden Autoren erläutern in "Trierisch balaawern" wöchentlich Besonderheiten der Trierer Mundart. Die besten Kolumnen sind auch gesammelt in einem neuen Buch zu lesen, das im Verlag Michael Weyand erschienen ist. "Milljunen Leit - mindestens drei" beleuchtet auf amüsante Weise die Eigenarten des Trierischen. Das Buch ist für 11,95 Euro im Trierer Handel erhältlich, unter 0651/7199-997 sowie im Internet unter <%LINK auto="true" href="http://www.volksfreund-shop.de" text="www.volksfreund-shop.de" class="more"%>