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Triers City soll jünger und größer werden - Stadt will Einwohnerzahl des Alleenrings in 15 Jahren um 5500 steigern

Die Trierer Innenstadt ist beliebt bei Millionen Besuchern und Touristen, hat aber nur 9500 Einwohner. Das soll sich bis 2030 ändern. TV-Foto: Portaflug
Die Trierer Innenstadt ist beliebt bei Millionen Besuchern und Touristen, hat aber nur 9500 Einwohner. Das soll sich bis 2030 ändern. TV-Foto: Portaflug FOTO: (h_st )
Trier. Trier hat 56 Schuhgeschäfte und ist ein Vorreiter des erfolgreichen Trends, hochwertige Hamburger anzubieten. Das sind nur zwei von vielen Fakten über Wohnen und Leben in der Innenstadt. Die Verwaltung hat ein Ziel: Bis zum Jahr 2030 soll die Zahl der Anwohner in der Trierer City von aktuell 9500 auf 15 000 steigen. Jörg Pistorius

Trier. Seni - so heißen Maskottchen einer Landesgartenschau oder auch einer Fußballeuropameisterschaft. Doch in Trier spielt Seni eine wesentlich wichtigere Rolle und wird sowohl die Arbeit der Stadtverwaltung als auch die Entscheidungen des Stadtrates in den kommenden Jahren gewaltig beeinflussen und prägen. Denn Seni steht für "Strategisches Entwicklungs- und Nutzungskonzept Innenstadt Trier 2025+".
Es war definitiv eine gute Idee, ein derart bürokratisches Wortmonster nicht im Original auf die Menschheit loszulassen, sondern einen niedlichen Spitznamen daraus zu machen. Viele weitere gute Ideen, klare Ziele und überzeugende Konzepte sollen Seni zum Erfolg machen.
Das zentrale Ziel: Die Einwohnerzahl der Innenstadt ist zu klein, ihr Altersschnitt ist zu hoch. Bis 2030 soll sich das gravierend ändern. Bis dann sollen 15 000 Menschen in der Innenstadt leben - in einer ausgewogenen Altersstruktur. Das ist eine der Seni-Thesen (siehe Extra).
80 Stadtentwicklungsexperten aus ganz Rheinland-Pfalz hören im Trierer Robert-Schuman-Haus zu, als Oberbürgermeister Wolfram Leibe und Johannes Weinand, Leiter des Amts für Stadtentwicklung und Statistik, Ziele und Zahlen über ihre Stadt präsentieren, die noch nicht jeder gehört haben dürfte. Ein sehr heißes Eisen, denn die Debatte um den neuen Flächennutzungsplan ist aktuell die stärkste politische Kontroverse in Trier (der TV berichtete mehrmals).
Triers Oberbürgermeister ist zwar erst seit fünf Monaten im Amt und war vorher in Stuttgart beruflich aktiv, aber sein Auftritt lässt keinen Zweifel daran, dass er Trier längst als seine Stadt ansieht. Und Seni als sein Projekt. "Wir werden bald 110 000 Einwohner haben", sagt Leibe. "Viele Menschen wollen in Trier leben. Ein echtes Luxusproblem." Doch auch ein Luxusproblem ist ein Problem. Die Innenstadt wird immer enger und teurer und muss sich als Handelszentrum und Erlebnisareal der immer stärker werdenden Konkurrenz aus Luxemburg stellen.
"Die Innenstadt ist Arbeit, Begegnung und Kommunikation", betont Triers OB. Doch die Attraktivität kann nicht steigen, wenn ausgetretene Pfade immer wieder beschritten werden - daran lässt Leibe keinen Zweifel. 56 Schuhgeschäfte habe ein Besucher aus Stuttgart gezählt.
Die Alternative: "Wir brauchen attraktive Nischen." Die Gastronomie mache es zurzeit vor - mit dem Konzept teurer, aber hochwertiger Hamburger. "Das funktioniert", sagt Triers OB. "Wir brauchen Menschen, die in Trier vorne mitspielen wollen und nicht warten, bis alle anderen alles durchgenudelt haben.""Statistik ist was Tolles"


Johannes Weinand ist seit drei Oberbürgermeistern Amtsleiter der Stadt Trier. Er führt das Amt für Stadtentwicklung und Statistik nicht nur, er lebt und atmet diese Themen. Deshalb ist es im Robert-Schuman-Haus sein Job, über Wohnen in der Innenstadt zu sprechen. OB Leibe liefert ihm eine gute Vorlage mit dem Satz "Statistik ist was Tolles".
Weinand hilft den auswärtigen Experten mit einer Grundsatzdefinition: Die Innenstadt ist das von Nord-, Ost- und Südallee sowie dem Moselufer umgrenzte Areal. "Dieses hat 9500 Einwohner, das sind 8,7 Prozent der Gesamtbevölkerung." In der Römerzeit lebten auf diesem Areal 80 000 Menschen.
Der statistische Durchschnittsbewohner der Innenstadt ist nicht mehr der Jüngste. Hier schlägt der Statistiker wieder zu: Es gibt mehr als doppelt so viele Angehörige der Generation 65 plus als Jugendliche unter 20. Weinand legt noch einen Punkt nach: "Die Innenstadt ist für Familien mit Kindern kaum interessant." Denn während deren Zahl in der Anwohnerstatistik seit Jahren stagniert, steigen die Einpersonenhaushalte munter an, aktuell um 2,1 Prozent.
Wer innerhalb des Alleenrings leben will, braucht eine starke finanzielle Basis. Weinand: "Die durchschnittliche Miete liegt bei 8,30 Euro, der Preis für Eigentumswohnungen bei 2600 Euro jeweils pro Quadratmeter." Seni enthält die deutliche Forderung nach mehr öffentlichen Mitteln und auch höheren Investitionen in die Bausubstanz der Innenstadt.Extra

"Ich liebe es, dass ich in der Stadt alles zu Fuß erledigen kann. Schade ist aber, dass in den 60er Jahren so viele schöne Gebäude abgerissen wurden. Das Porta-Hotel ist ein Beispiel." Gerda Müller, (76) "Ich bin schon siebenmal umgezogen, aber immer innerhalb der City, weil ich von ihren Vorteilen überzeugt bin. Wenn ich alt bin, muss ich nur mit dem Rollator vor die Tür und bin mitten drin." Wolfgang Basten, (46) "An der Uni zu wohnen, war schon idyllischer. Aber in der Stadt ist alles viel einfacher zu erreichen. Vor allem, weil ich nur ein Fahrrad habe." Marie-Luise Böckmann, (26) TV-Fotos: Katharina HahnExtra

Die Wohnungen müssen wesentlich besser in Schuss gebracht werden. Das betrifft die energetische Sanierung ebenso wie den alters- und behindertengerechten Umbau. Außerdem braucht die Innenstadt Neubaugebiete - und zwar kurzfristig. Die Geschichte der Stadt muss stärkerer Teil ihrer Identität werden. Stadtentwickler Johannes Weinand kritisiert allzu starke Ausflüge in die Moderne, die das historische Stadtbild stören. Die Gemeinschaft aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Anwohnern muss die Zukunft der City gemeinsam angehen. Der öffentliche Raum muss attraktiver werden. Vom Kopfsteinpflaster bis zur Ausschilderung. Die Stadtverwaltung muss mehr in innerstädtische Gebäude investieren, um die Lage steuern zu können. Rendite darf dabei keinen automatischen Vorrang haben. Das Land muss ebenso wie die Stadt die Mittel zur Förderung der Innenstädte ausbauen. Eine neue Gesellschaft "Innenstadtentwicklung Trier 2025+" soll gegründet werden und Finanzstärke mit Umsetzungskompetenz verbinden. Externe Partner sollen mit ins Boot. jp