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Serie
So fühlt es sich an, ein Greis zu sein - Ein Selbstversuch

Fabienne Peters hilft Volksfreund-Redakteur Hans-Peter Linz beim Gang durchs Seniorenheim.
Fabienne Peters hilft Volksfreund-Redakteur Hans-Peter Linz beim Gang durchs Seniorenheim. FOTO: TV / Claudia Müller
Thalfang. TV-Redakteur Hans-Peter Linz ist innerhalb von Sekunden um Jahrzehnte gealtert. Das Ergebnis des Selbstversuchs hat ihn überrascht. Von Hans-Peter Linz
Hans-Peter Linz

Ich liege im Bett, sehe kaum etwas, spüre einen Druck auf der Brust und schaffe es noch nicht einmal, mich auf die Seite zu rollen, geschweige denn leichtfüßig aufzustehen. Ich bin aber froh, endlich zu liegen. Am liebsten würde ich jetzt einfach liegenbleiben, aufgeben. Der Weg ins Bett war  beschwerlich genug. Ich musste einen langen Gang entlanggehen, mehrere Zimmer durchqueren, an Menschen, Tischen und Stühlen vorbei, die mir im Weg standen und die ich kaum sehen konnte. Ich spürte meine Füße nicht richtig, wäre unfähig gewesen, eine Treppe herauf oder herabzugehen. Ich konnte kaum etwas erkennen, nur unscharf zeichnete sich ein Bild des Raumes vor meinen Augen ab. Außer meinem eigenen sich immer mehr beschleunigenden Herzschlag konnte ich wenig hören.  Ohne fremde Hilfe hätte ich es nicht geschafft, in das Schlafzimmer dieses Seniorenheims zu kommen.

Nun liege ich alleine in diesem Zimmer und denke über das gerade Erlebte nach. Als ich noch in Bewegung war, war es noch halbwegs erträglich – aber in diesem Bett liegend wird mir erst bewusst, wie hilflos ich war. Da beschleunigt sich mein  Puls. Völlig überrascht spüre ich die ersten Anzeichen einer Panikwelle, die mich erfasst. Erst jetzt verarbeitet mein Körper   die vorangegangenen Ereignisse und reagiert mit einer massiven Ausschüttung von Stress-Hormonen. Plötzlich höre ich eine Stimme. Ich zucke erschrocken zusammen, als mich jemand an der Schulter berührt, denn ich kann niemanden in der Nähe sehen, weil mein Blickfeld so stark eingeschränkt ist. „Sie können wieder aufstehen, wir gehen jetzt zurück und befreien Sie von dem Anzug“, höre ich eine wie von Ferne klingende Stimme. Also mit Schwung und der helfenden Hand einer Pflegerin  raus aus dem Bett und auf demselben Weg wieder zurück.

Endlich kann ich die schalldämpfenden Kopfhörer, die dunkel getönte und mit einer Vignette ausgestattete Brille und viele andere Teile ablegen, die mich sowohl in meiner Bewegung als auch in meiner Wahrnehmung der Umwelt erheblich eingeschränkt haben.  Dazu gehört unter anderem eine mehrere Kilo schwere Weste, eine Halskrause und eine Beinschiene, die den Bewegungsspielraum meines rechten Knies  auf ein Minimum reduziert.

So fühlt man sich also, wenn man alt ist: Die Muskulatur ist zurückgegangen, so dass man nicht mehr genug Kraft hat, um aus dem Bett zu kommen, das Kniegelenk ist verschlissen und nicht mehr so beweglich, das Hör- und Sehvermögen hat stark nachgelassen.  Für sich betrachtet vielleicht je nach Grad der Beeinträchtigung keine großen Einschränkungen – aber in der Summe ist die Wirkung dramatisch.

Mitarbeiter des Seniorenheims Charlottenhöhe in Thalfang hatten mir diesen Alterssimulationsanzug  angezogen. Die Aktion war kein Spaziergang, im Gegenteil: Es war ziemlich frustrierend, am eigenen Leib zu erleben, wie sich manche ältere Mitmenschen mit steifen Kniegelenken, schlechtem Seh- und Hörvermögen und schwachem Kreislauf wohl fühlen müssen.  Ich schwöre mir jedenfalls nach dieser Erfahrung, alle Checkup-Arzttermine wahrzunehmen und auch weiterhin regelmäßig Sport zu treiben, um möglichst lange fit zu bleiben.

Wer den Anzug einmal getragen hat, erfährt,  wie sich manche Senioren fühlen, wenn sie am Abend ins Bett gebracht werden. Der Anzug füllt mit all seinen Bestandteilen einen ganzen Koffer. Die Ausrüstung dient Schulungszwecken, denn Pflegerinnen und Pfleger sollen sich während der Aus- und Weiterbildung in die Lage ihrer Patienten hineinversetzen können, um sie besser zu verstehen. Aber auch Schulklassen der benachbarten Realschule plus, die das Seniorenheim regelmäßig im Rahmen von Projektarbeit  besuchen, konnten schon einmal den  Alterssimulator  nutzen Dann wird dann zum Beispiel geübt, ein Paket von einem Ende des Gebäudes mitten durch die Cafeteria zum anderen Ende zu tragen.  Das soll das Verständnis von jungen Menschen für Senioren verbessern.  Zur Ausstattung des Anzugs gehört übrigens auch ein  zusätzlicher Tremor-Simulator, mit dem man – wie bei einer Parkinson-Erkrankung – zitternde Hände erzeugen kann.  Darauf wurde bei meinem Selbstversuch jedoch verzichtet. Das würde man jedoch nur bei fortgeschrittenen Schülern machen, denn der Wechsel sei zu extrem.  Mir hat die Erfahrung mit der Einsteiger-Ausrüstung jedenfalls schon gereicht, um zu lernen, wie manche Senioren sich wohl fühlen müssen, wenn ganz normale Alltagsabläufe, über die jüngere Menschen nicht nachdenken, zu einer  Herausforderung werden. Sie brauchen für vieles einfach mehr Zeit,  können nicht mehr so gut hören und sehen. Deshalb sollte man ihnen mit Respekt und Verständnis begegnen.