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"Über die Stränge schlagen dürfen": Was den Reiz großer öffentlicher Feste ausmacht

FOTO: (h_st )
Trier. Warum feiern wir gerne mit anderen? Ein Gespräch mit dem Trierer Soziologen Thomas Lenz.

Trier. Man soll die Feste feiern wie sie fallen, sagt der Volksmund. Feste haben eine ganz wesentliche Bedeutung für die Gesellschaft, sagt der Trierer Bildungs- und Konsumsoziologe Dr. Thomas Lenz, der an der Universität Luxemburg forscht. TV-Mitarbeiter Marcus Stölb sprach mit ihm über das wissenschaftliche Interesse an Events und das Wesen von Volksfesten.
Herr Lenz, warum besuchen viele Menschen so gerne öffentliche Feste?
Thomas Lenz: Das gemeinsame Feiern ist auch immer ein Prozess der Vergemeinschaftung, wie es die Soziologie ausdrückt. Es geht darum, sich durch die Teilnahme an einem Fest in einem größeren Ganzen zu sehen, und nicht mehr nur als Individuum. Insofern haben solche Events eine wesentliche Bedeutung für die Gesellschaft.
Aber worin liegt das wissenschaftliche Erkenntnisinteresse speziell auf diesem Gebiet?
Lenz: Das ist ganz unterschiedlich. Eine Kollegin von mir hat zum Beispiel untersucht, wie junge Katholiken ihre Teilnahme an einem Weltjugendtag wahrnehmen. Ein Ergebnis war, dass es den Jugendlichen wichtig ist zu erleben, dass es Menschen gibt, die denselben Hintergrund haben. Deshalb braucht es auch bei Religionen, neben den ganz alltäglichen Ritualen, auch außergewöhnliche Großevents wie den Weltjugendtag.
Um sich die eigene Identität bestätigen zu lassen?
Lenz: Es gibt den etwas kitschigen, aber trotzdem richtigen Satz, dass der Mensch am Du zum Ich wird. Soll heißen: Eine allein auf sich selbst gestellte Identität gibt es nicht, diese ist immer auch das Ergebnis von Interaktion mit anderen Menschen. Und diese findet auch auf Festen statt.
Sie haben zu einem konsumsoziologischen Thema promoviert. Inwiefern wäre es denn für Sie reizvoll, ein Event wissenschaftlich zu untersuchen?
Lenz: Weil fast jedes Fest ein bestimmtes Publikum hat. Zu einem Gothic-Festival geht beispielsweise eine bestimmte Klientel, die andere Dinge konsumiert als die Besucher eines distinguierten Klassikkonzerts. Es ist auch eine Lifestyle-Entscheidung, die getroffen wird. Dieses Phänomen kann man beobachten und untersuchen.
Aber Großevents fallen aus dieser Betrachtung raus, schließlich gibt es hier nicht die eine Klientel, die kommt!
Lenz: Das stimmt, und das macht auch die Stärke eines Volksfestes aus. Wenn es richtig läuft, treffen Sie zum Beispiel auf dem Altstadtfest Menschen aller Einkommensschichten und Altersklassen, eine Segregation, sprich Trennung nach Schichten, findet dann nicht statt. Das ist ein großer Vorteil von Volksfesten.
Bis vor wenigen Jahrzehnten waren die größten Feste religiöser Natur, doch die Bindung zu den Kirchen schwindet. Was hat das für Auswirkungen?
Lenz: In der Tat hatten öffentliche Feste lange Zeit einen religiösen Hintergrund. Diese Komponente wurde inzwischen fast vollständig abgelöst. Dennoch würde ich sagen, dass etwas diese Ursprünge überdauert: Die Idee, nach einer längeren Zeit der Zurückhaltung quasi eruptiv und unsanktioniert öffentlich über die Stränge schlagen zu dürfen. Auch das gehört zum Wesen eines Volksfestes.