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Kolumne
Das Problem mit der Wahrheit

FOTO: TV / Werhan, Michael
Ich gebe zu, ich bin manchmal ein wenig verwirrt. Immer mal wieder bekomme ich nämlich Post von den Menschen, die meine Kolumne hier an dieser Stelle lesen. Sie fühlen sich dann motiviert, mir zu schreiben. Von Jörg Pistorius
Jörg Pistorius

Das ist gut, und ich freue mich jedes Mal, wenn ich Post bekomme. Wenn ich dann allerdings lese, was da drin steht, nimmt die Freude manchmal ab.

Nein, keine Angst, ich werde nicht angepöbelt oder gar beleidigt. Die Leute, die mir schreiben, halten mir stattdessen ein Mysterium vor Augen, mit dem sie sich scheinbar hervorragend auskennen. Dabei handelt es sich um „die ganze Wahrheit“.

Und zwar geht das so: „Lieber Viez-Jupp, wenn du die ganze Wahrheit schreiben willst, musst du nur uns fragen.“ Oder „Wenn du dich trauen würdest, die ganze Wahrheit zu schreiben, würdest du uns ausführlich zitieren.“ Und so weiter.

Diese Schreiben sind nicht böse gemeint, ich weiß das. Die Absender sind aber offenbar von zwei Dingen überzeugt. Erstens: Sie kennen „die ganze Wahrheit“, und ich nicht. Zweitens: Ich bin in der Pflicht, sie zu fragen, um „die ganze Wahrheit“ zu erfahren.

Deshalb jetzt mal ein paar klare Worte. Die blaue Lagune in der Ostallee, ein neues Baugebiet bei Mariahof, ein neuer Globus in Trier, die große Marx-Statue – all das sind Themen, zu denen ich mich immer wieder äußere. Ich sage dabei meine Meinung, und diese ist natürlich nie „die ganze Wahrheit“. Sie ist die Wahrheit, die ich sehe, basierend auf meiner Beobachtung der Lage nach bestem Wissen und Gewissen. Meiner Überzeugung nach sieht niemand „die ganze Wahrheit“. Außer meiner Bärbel vielleicht.

Deshalb, liebe Jupp-Kritiker, regt euch nicht auf. Trinkt eine Porz Viez, macht einen Spaziergang, freut euch über das schöne Wetter. Schönes Wochenende!