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Umwelt
Das Bermudadreieck und das Hochwasser

 Höchststand 8,50 Meter: Der mittelalterliche Moselkran umspült von Hochwasser Anfang 2018 in Trier.
Höchststand 8,50 Meter: Der mittelalterliche Moselkran umspült von Hochwasser Anfang 2018 in Trier. FOTO: Medienhaus Trierischer Volksfreund / Roland Morgen
Trier. „Kleine bis mittlere Hochwasser werden an der Mosel zunehmen“: Professor Joachim Sartor erklärt, was 200 Jahre Pegelstandmessungen in Trier und Cochem lehren können. Von Joscha Wölbert

Das Thema des Vortrags könnte nicht aktueller sein, obwohl es schon lange im Voraus geplant war. Es geht um das Moselhochwasser. Als Redner tritt Professor Dr. Joachim Sartor von der Hochschule Trier auf, um den Gästen des Zentrums für Innovation und Weiterbildung (ZIW) die Ergebnisse der nun 200-jährigen Pegelstandmessungen in Trier und Cochem zu präsentieren. Das ZIW, das den Vortrag organisiert, versteht sich als Schnittstelle zwischen Hochschule, Wirtschaft und Gesellschaft.

„Die Unterschiede im Wasserstand eines Flusses sind ganz natürliche Ereignisse und nur wir Menschen kennen sogenannte Hochwasserschäden“, ruft Bauingenieur Sartor den Zuhörern zu Anfang ins Gedächtnis.

Mit einer Länge von 520 Kilometern stellt die Mosel den größten Nebenfluss des Rheins dar. Auch sie wird wiederum von weiteren Flüssen gespeist, wie beispielsweise Sauer und Saar, die durch ihre nahe aneinanderliegenden Einmündungen besonders ausschlaggebend für die Hochwasserstände sind: „Wir nennen diese Stelle auch gerne das Bermudadreieck“, sagt Joachim Sartor scherzhaft.

Auch wenn sich viele Trierer noch an das Jahrhunderthochwasser von 1993 erinnern - mit seinem Höchstpegelstand von 11,28 Metern -, gab es 1784 ein Hochwasser, das den damaligen Höchststand noch um 180 Zentimeter überragte. Damals folgte auf einen trockenen Sommer ein bitterkalter Winter, der am Ende des Februars enorme Schneemassen freigab, die gepaart mit Starkregenfällen zu diesem Extremereignis führten.

Allerdings seien große Hochwasser wie diese tatsächlich statistisch immer seltener, beruhigt Joachim Sartor seine aufmerksamen Zuhörer. Da die Winter immer weniger kalt sind, werden auch nicht mehr so große Eis- und Schneemassen gebunden, die sich bei plötzlichem Tauwetter in die Mosel ergießen können.

Allerdings nehmen dafür kleinere bis mittlere Hochwasser wie jenes in diesem Januar zu, da es häufiger zu starken anhaltenden Regenfällen kommt als früher einmal.

„Eine Begradigung von Zubringern beschleunigt das Hochwasser zwar, erhöht es jedoch nicht“, will der Bauingenieur den Kritikern der Gewässerbegradigung den Wind aus den Segeln nehmen. Der beste und natürlichste Hochwasserschutz seien Waldgebiete.

Allerdings seien im gesamten deutschen Moselgebiet 40 bis 50 Prozent der Landfläche Ackergebiet. Hier würde eine Begrünung auch im Winter helfen, um die Bodenverdichtung zu verhindern, schlägt der Professor vor und warnt aber auch vor bestimmten Maßnahmen. „Wenn wir in Deutschland Wasser zurückhalten, kann das den Spitzenstand des Hochwassers sogar noch erhöhen.“

Anhand einer Grafik stellt Joachim Sartor diese auf den ersten Blick überraschende Behauptung anschaulich dar. Wenn nämlich zuerst Wasser zurückgehalten wird, erhöht dies die Masse an gestautem Wasser, welches bei zu hoch steigendem Pegel noch zusätzlich freigegeben werden muss. Die Überflutungen nehmen dann in den nachfolgenden Moselabschnitten nur noch mehr zu.

Auch auf die Frage der Zuhörer des Vortrags, ob die Staustufen einen Einfluss auf die Pegelstände haben, weiß Professor Sartor einzugehen. So stellt er klar, dass diese ebenso wie der Schiffsverkehr beinahe keinen Einfluss auf die Hochwasser haben.

Auch würden alle möglichen Hochwasserpräventionsmaßnahmen zusammen den Pegelstand gerade einmal um zehn Zentimeter senken, erklärt Joachim Sartor und fügt hinzu: „Nicht unbedingt die Hochwasser nehmen zu, sondern viel mehr die Hochwasserschäden. Wenn sich die Moselanwohner hinter neuen Hochwasserdämmen zu sicher fühlen und beispielsweise ihre Kellerbars ausbauen, ist das nächste größere Hochwasser umso verheerender, und dann stehen nach jedem größeren Hochwasser wieder viele tolle Häuser mit Moselblick zum Verkauf.“

Und so lautet Sartors Devise und Fazit des Abends: mit dem Hochwasser leben lernen.

 Joachim Sartor erklärt, wie das Mosel-Hochwasser zustande kommt.
Joachim Sartor erklärt, wie das Mosel-Hochwasser zustande kommt. FOTO: TV / Joscha Wölbert