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Wie von einem anderen Stern

Die Sieger sind da: US-Truppen am 1. Dezember 1918 in der Bahnhofstraße (heute Theodor-Heuss-Allee), aufgenommen vom Trierer Fotografen Moritz Bätz. Foto: Stadtarchiv Trier
Die Sieger sind da: US-Truppen am 1. Dezember 1918 in der Bahnhofstraße (heute Theodor-Heuss-Allee), aufgenommen vom Trierer Fotografen Moritz Bätz. Foto: Stadtarchiv Trier
Der "Kulturschock" hätte kaum größer ausfallen können: Schweigend und bedrückt beobachteten die Trierer heute vor 90 Jahren den Einmarsch der Amerikaner, der neuen Machthaber nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg. Von unserem Redakteur Roland Morgen

Trier. Was für ein Unterschied: Zehn Tage zuvor waren die Soldaten des Trierer 69. Infanterie Regiments von der Front zurückgekehrt - abgekämpft, hungrig, mit verschlissener Kleidung. Ein völlig anderes Bild am 1. Dezember 1918. Die Amis kommen. Gemessen an den Weltkriegs-Verlierern eine High-Tech-Armee. Ausgerüstet mit modernsten Waffen und Geräten, in neuen Uniformen und wohl genährt.

Trierer reagieren bedrückt auf den Einzug der Besatzer



Die Trierer Bevölkerung bestaunt den Einzug der neuen Machthaber schweigend und bedrückt. Gegen 13 Uhr rückt das 6. Infanterie-Regiment der 1. Division (3. US-Armee) aus Richtung Zewen/Igel kommend durch die Luxemburger Straße ein, angeführt von einer Militärkapelle, die Marschmusik spielt. Es folgen lange Kolonnen von Infanterie, Kavallerie, Artillerie sowie motorisierte und bespannte Nachschubeinheiten. Ihr Weg führt über Aachener Straße, Kaiser-Wilhelm-Brücke, Lindenstraße, Nordallee und Bahnhofstraße zu den Kasernen in Trier-Nord. Eine zweite Kolonne rückt, aus Konz kommend, durch St. Medard ein; vier lange Militärzüge halten am Westbahnhof. Die Amerikaner besetzen sofort die Kasernen und den Eurener Flugplatz. Ihr Hauptquartier richten sie im heutigen Katasteramt ein. Schon bald ergehen Anweisungen an die Bevölkerung. Es bestehen Ausweis-Pflicht, Alkoholverbot und Postzensur; Wohnraum wird beschlagnahmt.

Kaiserbilder und deutsche Fahnen dürfen nicht mehr gezeigt werden. Fußgänger müssen stets die Bürgersteige benutzen. Straßen, Häuser und Dachspeicher sind täglich zu reinigen. Die Eurener Landwirte müssen ihre Dunggruben entleeren und den anfallenden Stallmist täglich auf die Felder fahren. Erfolg der Hygiene-Vorschriften: Trier bleibt von schweren Epidemien verschont.

Triers "erster Verkehrspolizist" ist ein US-Soldat, der an der Porta Nigra den noch spärlichen Verkehr regelt. Die Amerikaner bewegen sich ungezwungen in der Stadt und besichtigen die Sehenswürdigkeiten. Kinder treiben eifrig Handel mit ihnen nach dem Motto "Tausche Militärorden gegen Schokolade". Aufsehen erregen die zahlreichen US-Krankenschwestern in ihren schicken Uniformen. Neben der Versorgung der mitgebrachten rund 7000 Verwundeten obliegt ihnen auch die "Truppenbetreuung".

So werden oft Tanzabende veranstaltet. Eine Schwester erhält einen Orden, weil sie ihren Kameraden vorbildlich das Heimweh vertreibt (und dabei angeblich drei Paar Schuhe durchtanzt).

Der Oberbefehlshaber der US-Expeditionstruppen, John J. Pershing, besucht noch im Dezember 1918 seine Soldaten und spricht in der Göben-Kaserne auf einem Tisch stehend zu ihnen. Am 11. August 1919 ziehen sich die US-Einheiten in Richtung Koblenz zurück und werden von französischem Militär abgelöst.

Viele Erkenntnisse und Informationen über das Militärgeschehen in Trier im 20. Jahrhundert sind dem Eurener Heimatforscher Adolf Welter (74) zu verdanken. In seinem neuen, zweiteiligen Buch "Franz Idzior - der (un-) bekannte Trierer Fotograf" veröffentlicht er im Anhang unter anderem 51 bislang unbekannte Fotos aus der Zeit der US-Besatzung 1918/19 (erhältlich für 15 Euro im Trierer Buchhandel).