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Wie zeitgemäß ist Nächstenliebe?

Till Thurner versucht bei der Aufführung der Bühne1 vergeblich, sich in die Rolle des Sankt Martin hineinzuversetzen. TV-Foto: Julia Schulz
Till Thurner versucht bei der Aufführung der Bühne1 vergeblich, sich in die Rolle des Sankt Martin hineinzuversetzen. TV-Foto: Julia Schulz FOTO: Julia Schulz (jusc) ("TV-Upload Schulz"
Trier. Sankt Martin kommt in Krankenhäuser und Schulen - nicht nur als Umzug, sondern auch als modernes Theaterstück. Dahinter steckt die Hochschulgruppe Bühne 1. Julia Schulz

Trier. Jeder kennt den Soldaten, der aus Nächstenliebe seinen Mantel mit einem Bedürftigen teilte. Doch ist die Geschichte Sankt Martins noch zeitgemäß? Diese Frage stellte die Hochschultheatergruppe Bühne 1 den Besuchern am Samstagmorgen in der Eingangshalle des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder Trier. Angehörige und Personal verfolgten gespannt die Aufführung von "Martin von Tours".
"Die strenge Askese krieg ich nicht hin. Ich habe 160 Likes, und trotzdem komme ich hier nicht weiter!" ruft Schauspieler Till Thurner verzweifelt. Wie soll er sich in der heutigen Zeit in den Sankt Martin aus dem Frühmittelalter hineinversetzen? Er will sich nicht auf die Kriege konzentrieren, sondern auf die "Schönheit" des Lebens. "Soll ich ein paar schöne Dinge verteilen, damit sie sich aufgehoben und sicher fühlen?", fragt er die Zuschauer und verteilt Martinsbrezeln und Umarmungen, während Sängerin und Schauspielerin Pia Schellen "Ich geh mit meiner Laterne" singt.
Die Theatergruppe möchte mit dem Stück laut Till Thurner "das Scheitern, sich heute noch mit Sankt Martin zu identifizieren, darstellen". Außerdem will sie die Zuschauer dazu anregen, über sich selbst nachzudenken. "Ist es mit einer guten Tat getan?" fragt er, oder sollten sich die Menschen nicht auch mit ihrer Verantwortung für Kriege in der Welt auseinandersetzen?
Entstanden ist das Stück als Beitrag zu einem Wettbewerb der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB), den diese anlässlich Martin von Tours' 1700. Geburtstages veranstaltete. Die Beiträge der Hochschultheatergruppen "Bühne 1" und "Kreuz&Quer" gewannen diesen. Ihre Stücke führen sie in nächster Zeit an öffentlichen Schauplätzen in Trier, Koblenz und Saarbrücken auf, wobei sie die Uhrzeiten nicht verraten - das Stück soll die Zuschauer spontan überraschen.
Der Regisseur der bühne1, Michael Gubenko, erzählte, er habe die Inszenierung gemeinsam mit Till Thurner und Sandy Panacek geschrieben. Sie spielten deshalb in Krankenhäusern, weil sie die "Kunst in zweckgebundene Räume tragen" wollten.
Das ist ihnen an diesem Morgen gelungen, bestätigte Michael Molitor, erster Vorsitzender des Vereins Kunst und Kultur. Er ist sich sicher, dass noch eine Weile über diese Aufführung gesprochen wird.
Extra

Das Sankt-Martin-Stück wird an weiteren Tagen aufgeführt. Genaue Zeiten nennt die Gruppe nicht, um die Menschen damit zu überraschen. Montag, 31. Oktober: In Wittlich vor dem St. Elisabeth-Krankenhaus (Bühne 1) Dienstag, 1. November: in Prüm vor dem St.-Joseph-Krankenhaus (Bühne 1) Mittwoch, 9. November: in Hermeskeil beim Gymnasium (Kreuz & Quer) Samstag, 12. November: in Schweich auf dem Platz vor der ehemaligen Synagoge (Kreuz & Quer) jusc