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Wunder III führt über Hartz IV

"Heimspiel" bei Awo-Freunden: Karl Diller (Mitte) sieht sich nach dem Sommerfest das Bürgerhaus Trier-Nord an. Foto: Roland Morgen
"Heimspiel" bei Awo-Freunden: Karl Diller (Mitte) sieht sich nach dem Sommerfest das Bürgerhaus Trier-Nord an. Foto: Roland Morgen
TRIER-NORD. Der Kandidat kommt als Überraschungsgast. Karl Diller (64, SPD) kündigt viele Wahlkampf-Auftritte nicht an: "Ich will keinen Aktionismus, ich suche authentische Begegnung", sagt der Parlamentarische Finanz-Staatssekretär, der am 18. September "zum zweitenmal das Wunder wiederholen und den Wahlkreis direkt gewinnen"will. ARRAY(0x1357360f0)

So ganz überraschend taucht Karl Diller aber doch nicht beim Sommerfest der Arbeiterwohlfahrt Trier-Nord am Samstagnachmittag im Bürgerhaus des Stadtteils auf. Klaus Schiller (74), der Vorsitzende der Stadtteil-Awo, ist eingeweiht und hat bei seiner Begrüßungsansprache "hohen Besuch" angekündigt. Kollektives Grinsen, als wenig später der (ebenfalls eingeweihte) TV-Reporter aufkreuzt: "Ah, das ist also der hohe Besuch."Präsenz zeigen von Ayl bis Zerf

Natürlich nicht. Aber der echte ist schon im Anmarsch. Großes Hallo, als "der Karl!" den Bürgersaal betritt. Auch wenn manche Gäste ehrfurchtsvoll vom "Herrn Staatssekretär" sprechen - der Mann aus Hermeskeil hat hier ein Heimspiel. Langer Vorreden bedarf es da nicht: "Sozialdemokratie und Arbeiterwohlfahrt sind verschwistert", erklärt Diller allen, die es noch nicht wissen sollten und erweist sich als großzügiger Gast. "Für den Fall meiner Wiederwahl" kündigt er an, eine 50-köpfige Abordnung der 137 Mitglieder starken Nord-Awo nach Berlin einzuladen. Damit stapelt der Parlamentarische Staatssekretär tief. Auf Platz sieben der SPD-Landesliste rangierend, dürfte er mit großer Wahrscheinlichkeit zum sechsten Mal ins Bundesparlament einziehen. Aber Diller kämpft für "Wunder-Wiederholung", sprich: am 18. September zum dritten Mal in Folge das Direktmandat in der "schwarzen" Hochburg Trier/Trier-Saarburg zu gewinnen: "Das wäre ein schöner Lohn für meine Anstrengungen." Sein Rezept: "Ich setze auf Überzeugungskraft, denn wir haben die besseren Argumente und Konzepte." Was aber selbst bei Awo-Freunden keinen leichten Stand garantiert. Die Besucher im Bürgerhaus nehmen den Stargast in die Mangel und machen deutlich: Ob nach 1998 und 2002 nun Dillers "Wunder III" gelingt, hängt nicht zuletzt von Hartz IV ab. Und davon, ob seine persönlichen Überzeugungs-Anstrengungen fruchten. Eine von Dillers Trumpfkarten ist ein stets griffbereiter DIN-A4-Zettel mit Steuertabellen: "Damit zeige ich den Leuten schwarz auf weiß, dass sie unter Helmut Kohl das Doppelte an Lohnsteuer gezahlt haben." Das Klima der Diskussionen mit dem Wählervolk findet Diller "zunehmend freundlich. Vor vier Wochen war die Stimmung noch aggressiv. Jetzt setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass unsere Reformen notwendig und richtig sind." Insofern empfinde er den "fast verschnaufpausenlosen" Wahlkampf nicht als Belastung: "Ach was. Stress hält jung." Den "Stress" macht sich der 64-Jährige selbst. Diller taucht in diesen Tagen gerne unangekündigt bei Festen zwischen Ayl und Zerf auf: "Präsenz zeigen, auf Bürger zugehen, zuhören, ansprechbar sein." Soviel zur Kür, bei der oft Ehefrau Maria mit von der Partie ist. Zur Pflicht gehört es, den Bonus als Bundesregierungs-Mitglied einzubringen, so etwa am Samstagmorgen beim Infostand der Jusos im neuen Trier-Tarforster Stadtteilzentrum. Gut anderthalb Stunden dauert die Visite bei der Awo. Vor der Abfahrt zum nächsten Fest nach Longuich schaut sich Diller noch einmal das Bürgerhaus von außen an: "Toll, was sich hier in den letzten 20 Jahren getan hat. Als Politiker an dieser Entwicklung beteiligt zu sein, macht mich stolz."