| 20:40 Uhr

Meine Hilfe
Zerschlagene Sternstunde der Demokratie: Trierer Studenten berichten aus Kenia

Eigentlich sollten Caroline und Imelda in der Schule sitzen. Da sie das Schulgeld nicht zahlen können, sammeln sie stattdessen Verwertbares in den Müllbergen Dandoras. Foto: privat
Eigentlich sollten Caroline und Imelda in der Schule sitzen. Da sie das Schulgeld nicht zahlen können, sammeln sie stattdessen Verwertbares in den Müllbergen Dandoras. Foto: privat FOTO: Katja Bernardy (kat) ("TV-Upload Bernardy"
Trier/Nairobi. Kenia hat innerhalb von drei Monaten zwei Mal gewählt. "Die Republik ist ein Pulverfass", sagt der Trierer Afrika-Experte Johannes Michael Nebe. Mit Studenten war er vor Ort, als die Republik kurzfristig Emotionen wie einst beim Mauerfall in Deutschland erlebte. Katja Bernardy

Philipp Anton hat es gewagt. Der Trierer Student der Politik-Wissenschaften und Geographie war ins kenianische Dandora gereist und hat gesehen und gerochen, was er niemals vergessen wird: Auf einer Müllkippe, groß wie 76 Fußballfelder, türmen sich Chemieabfälle neben Schlachtabfällen. Kein Wort wird dem Gestank gerecht. Hier leben Tausende Menschen. "Die Ärmsten der Armen stürzen sich auf Lastwagen, die Müll auskippen, um etwas zu finden, was sie verwerten können", schildert der 23-Jährige.

Stefanie Adams hat Bilder im Kopf von 70 Kindern, zusammengepfercht in einem fensterlosen Wellblechverschlag, sie lernen bei 40 Grad. "Hinter dem Klassenzimmer ist ein Rinnsal, gefüllt mit Fäkalien ", erzählt die 27-jährige Master-Studentin der Psychologie. Hütten in den Slums seien noch kleiner und menschenunwürdiger als man sie von Fotos kenne.

Das ist die eine Facette des Landes, die Anton und Adams kennengelernt haben. Sie gehörten zu den neun Trierer Studenten um den Afrika-Experten und ehemaligen Hochschuldozenten Johannes Michael Nebe, 76, die im August für vier Wochen nach Kenia gereist waren. Gemeinsam mit elf kenianischen Studenten haben sie fast 300 Jugendliche in einem Slum in der Hauptstadt Nairobi interviewt. "Was erwarten sie von der Politik ihres Landes?", wollten die Studierenden wissen. Das Projekt "Youth expetations of Kenia Politics" wurde vom Verein "Bildung fördert Entwicklung", dessen Gründer Nebe ist, und der Kenyatta University Nairobi initiiert .

Die andere Facette Kenias "Wir haben viele junge Menschen erlebt, die sehr viel Potenzial und Hoffnung haben", sagt Philipp Anton. Und in Kenia gäbe es Reiche, die so reich seien, dass ein deutsches Managergehalt einem Hausmeistergehalt gleichkomme.

Die Jugend wünscht sich Veränderung, ist das Ergebnis der Befragung. "Sie wollen spüren, dass etwas für die Menschen getan wird, gegen die Jugendarbeitslosigkeit und für mehr Sicherheit", sagt Adams.

Es brodelt in Kenia Seit Jahrzehnten kämpfen zwei Clans um die Macht, die Kenyattas und die Odingas. Am 30. Oktober wurde Amtsinhaber Uhuru Kenyatta mit 98 Prozent der Stimmen zum Sieger der Präsidentenwahl erklärt. Auf Druck der Opposition unter Raila Odinga, er hat übrigens in Leipzig studiert, war die erste Wahl annulliert worden. Das oberste Gericht hatte die Abstimmung vom 8. August wegen Unregelmäßigkeiten für ungültig erklärt. "Wir haben danach Emotionen wie beim Mauerfall in Deutschland erlebt", sagt Anton. Jubelrufe, in der Stadt wurde gefeiert. "Niemand hatte mit der Annullierung der Wahl gerechnet", sagt Anton. Es sei eine Sternstunde der Demokratie gewesen.

Johannes Michael Nebe kennt die Kehrseite: "Das Oberste Gericht hat mit Morddrohungen für diese Entscheidung bezahlt", sagt er. Ihm zufolge ist die Wahl "eine manipulierte Wahl, wie sie im Buche steht". "Alle die Geld haben, kaufen Stimmen, Wahlurnen verschwinden und Wahlzettel werden schon für ungültig erklärt, bevor sie überhaupt ausgefüllt sind", sagt der Kenia-Kenner. Auch Zeitungen hätten von Wahlbetrug berichtet.

Nebe ist davon überzeugt, dass kein Interesse daran bestehe, die Armut zu bekämpfen, da reiche Machtinhaber die Armen kaufen könnten, um ihre Position zu untermauern.

Mit Spannung und Sorge haben Nebe und die Trierer Studenten die Neuwahl verfolgt. Die Wahlen waren von Unruhen begleitet, bei denen Tote und Verletzte beklagt wurden. Ständig gehen bei ihnen SMS und E-Mails aus Kenia ein. "Ein junger Kenianer schrieb mir: Es gibt keine Demokratie in Kenia, es ist eine Bananenrepublik, die von einer kleinen Elite kontrolliert wird", sagt Nebe. Damit treffe der Afrikaner den sprichwörtlichen Nagel auf den Kopf. Kenia sei ein Pulverfass, sagt der ehemalige Hochschuldozent. "78 Prozent der Bevölkerung, die jünger als 35 Jahre ist, lässt sich das nicht mehr gefallen", sagt Nebe.

Philipp Adams glaubt: "Der Funke der Sternstunde der Demokratie, die wir miterlebt haben, glimmt weiter."Meine Hilfe zählt

Der Verein bittet um Spenden, um kenianischen Studierenden ein Praktikum in Trier zu ermöglichen. Hier gibt es weitere Infos auf der Volksfreund-Spendenplattform.