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Zum Lachen in den Keller

Hauptquartier im Luftschutzbunker: Rudolf Geib, Vorsitzender der Koobengarde Euren, im ehemaligen Eurener Bunker. Mitglieder des Karnevalsvereins sind seit Monaten "unter Tage", um das verlassene Gemäuer für ihre Zwecke umzubauen.Foto: Peter Hacker
Hauptquartier im Luftschutzbunker: Rudolf Geib, Vorsitzender der Koobengarde Euren, im ehemaligen Eurener Bunker. Mitglieder des Karnevalsvereins sind seit Monaten "unter Tage", um das verlassene Gemäuer für ihre Zwecke umzubauen.Foto: Peter Hacker
EUREN. Wo einst Menschen im Bombenhagel Zuflucht suchten, soll demnächst eifrig gelacht und debattiert werden: Der ehemalige Eurener Bunker an der Pestalozzistraße wird derzeit von der Koobengarde Euren zu ihrem neuen Hauptquartier umgebaut. Von unserem Mitarbeiter <br>PETER HACKER

Die Luft ist staubig und trocken. Vorsichtig tastet sich Rudolf Geib mit seiner Taschenlampe in eine der Zellen vor. Der dünne Lichtstrahl fällt auf kahle Wände und ein paar verrostete Rohre, die in einer Ecke liegen. Freiwillig, möchte man glauben, würde sich wohl niemand in den fensterlosen Nieschen tief unter der Erde aufhalten, die eher an Verließe als an Aufenthaltsräume erinnern. Und doch sollen hier noch in diesem Jahr mit Frohsinn und Heiterkeit fröhliche Feste stattfinden, nämlich dann, wenn die Koobengarde Euren in den ehemaligen Luftschutzbunker einziehen wird. Seit mehr als einem Jahr sind Geib, der Vereinsvorsitzende, und die anderen Eurener Karnevalsfreunde "unter Tage" beschäftigt, um den Betonbau aus den Vierziger Jahren in ein gemütliches Vereinsheim zu verwandeln. Im ersten Untergeschoss rissen sie die Zwischenwände der Zellen ein, verkleideten die Außenmauern mit Spanplatten. Auf die Gardisten wartet viel Arbeit

Der so entstandene zukünftige Versammlungssaal sieht mit seinen weißen Tapeten schon richtig wohnlich aus. Die Weihnachtsfeier könne die seit 2001 heimatlose Koobengarde vielleicht schon in ihrem neuen Domizil abhalten, hofft Geib. Bis es so weit ist, wartet allerdings noch viel Arbeit auf die Gardisten: Der Wasseranschluss funktioniert noch nicht, die Küche muss eingerichtet und die Toilette instandgesetzt werden. Auch die Heizung bedarf einer grundlegenden Erneuerung. Zum Heizungsraum im zweiten Untergeschoss gelangt man über eine enge Treppe, deren kaum verwitterte Betonstufen neben dem rostigen Geländer fast wie neu wirken. Hier unten, in mehreren Metern Tiefe, scheint selbst die Taschenlampe schwächer zu leuchten. Doch das bisschen Helligkeit reicht aus, um den Zellengang zum "Leuchten" zu bringen: Mit phosphorhaltiger Farbe geschriebene Nummern weisen den Weg zu den Zellen, die für sechs Betten Platz boten. Worte wie "Ruhe" oder "Kameradschaft" prangen an den Wänden, und in der Toilette ist "Sauberkeit Ehrenpflicht". In den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges suchten die Eurener bei Fliegerangriffen in dem Bunker Zuflucht. Einer von ihnen war Adolf Welter, der damals noch ein kleiner Junge war und "viele viele Schulstunden" in der unterirdischen Anlage verbrachte. Der heute 69-Jährige beschäftigt sich seit mehreren Jahrzehnten mit der Trierer Lokalgeschichte und hat seine Forschungsergebnisse in einigen Büchern veröffentlicht. Ein Abschnitt in Welters 1987 erschienener "Chronik Trier-Euren 1939-1948" ist dem "Luftschutz und Schutzraum-Bau" gewidmet. Nach den Erkenntnissen Welters wurde mit dem Bau des Eurener Bunkers am 1. April 1941 begonnen. Dem Schutzraum mussten nicht nur die Gärten an der damaligen Schulstraße und heutigen Pestalozzistraße weichen, sondern auch der Martinsbrunnen. Als auf den Tag genau zwei Jahre nach dem Baubeginn die schweren Luftangriffe auf Trier begannen, wurde der Bunker mit seinen zwei Meter dicken Außenwänden für viele Bewohner Eurens zum lebensrettenden Verschlag. Für Welter und seine Altersgenossen bedeuteten Krieg und Luftangriffe jedoch weniger Angst und Schrecken als vielmehr Abenteuer: "Wir haben als Kinder gar nicht erkannt, was das für eine Gefahr war", erinnert sich Welter, für den die Bomberflotten am Himmel "‘ne Sensation waren". Folgerichtig habe er mit seinen Freunden im Bunker "auf den Feldbetten gesessen und Blödsinn gemacht" - sehr zum Unwillen des Lehrers. An diese "Blödel-Tradition" werden, wenn man so will, Rudolf Geib und seine Koobengarde anknüpfen. Wie lange, ist allerdings fraglich, denn in dem jüngst aufgestellten Stadtteilrahmenplan für Euren ist der Vorschlag enthalten, den Bunker abzureißen und an der Stelle Parkplätze zu errichten. Ein Plan, den Geib allerdings für reichlich kostspielig hält: Die dicken Außenmauern zu sprengen, "ist nicht drin", glaubt Geib, und die Mauern mit dem Presslufthammer zu zerstückeln, werde wohl mehrere hunderttausend Euro kosten. So dürfte der Eurener Bunker noch einige Zeit fortbestehen: als Ort des Frohsinns, aber auch der Erinnerung. Am Montag in unserer Serie "Euren - ganz nah": Aus dem 150-Seelen-Dorf nicht mehr wegzudenken - der "Kulturkreis Herresthal".