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388 000 Euro für 100 Meter Weg

388 000 Euro soll der Ersatz für den Wirtschaftsweg am Ortsausgang von Ralingen-Wintersdorf kosten. TV-Foto: Harald Jansen
388 000 Euro soll der Ersatz für den Wirtschaftsweg am Ortsausgang von Ralingen-Wintersdorf kosten. TV-Foto: Harald Jansen
Ralingen-Wintersdorf. Drei Häuser stehen am Wirtschaftsweg am Ortsausgang von Ralingen Wintersdorf. Dieser Weg hat keinen eigenen Namen und ist in eher mittelmäßigem Zustand. Daran hat sich bisher noch keiner der Anlieger gestört. Trotzdem soll dort nun eine Erschließungsstraße samt Kanal für rund 388 000 Euro gebaut werden. Harald Jansen

Ralingen-Wintersdorf. Ein Baugebiet muss öffentlich erschlossen werden. So ist das in Deutschland und damit auch in Ralingen-Wintersdorf. Deshalb soll dort eine rund 100 Meter lange Straße nebst Kanal und Wasserleitung für rund 388 000 Euro gebaut werden. Damit würde eine laut Kreisverwaltung Trier-Saarburg städtebaulich "unbefriedigende Situation" beendet, deren Ursprünge rund 30 Jahre zurückliegen und an der keiner der Anwohner bisher öffentlich Anstoß genommen hat. Gleichwohl erhitzt sie die Gemüter.
Die Ausgangssituation: In den 1980er Jahren wurde am Wirtschaftsweg am Ortsausgang von Wintersdorf ein Zweifamilienhaus errichtet. 1999 durfte aufgrund eines gerichtlichen Vergleichs ein weiteres Haus gebaut werden. Die Häuser sind jedoch nicht über den vor den Häusern verlaufenden öffentlichen Weg erschlossen. Die Ver- und Entsorgung der Häuser erfolgt über Grundstücke an der rückwärtig gelegenen Straße Im Sauertal.
Die Idee: Bereits 2005 versucht die Ortsgemeinde, aus der Not eine Tugend zu machen. Sie will ein Baugebiet mit bis zu 20 Plätzen ausweisen. Das Gebiet soll Im obersten Flürchen heißen und würde auch die Erschließung der inzwischen drei bestehenden Häuser umfassen.
Bis 2007 verweigern die VG-Werke Trier-Land jedoch die Zustimmung für dieses Vorhaben. Denn die in die Jahre gekommene Kläranlage des Ortsteils ist nach Aussage der Werke auch ohne neue Häuser schon überlastet.
Nachdem schließlich auch die VG-Werke mitspielen, taucht eine weitere Herausforderung auf: Trotz intensiver Gespräche gelingt es der Gemeinde nicht, alle privaten Grundstückseigentümer davon zu überzeigen, ihre Flächen zur Verfügung zu stellen.
Die aktuelle Lage: Inzwischen gibt es einen Bebauungsplan für das oberste Flürchen. Der sieht im ersten Bauabschnitt den Bau einer Erschließungsstraße samt Wasserleitung und Abwasserkanälen vor. Fünf Baustellen auf der gegenüberliegenden Seite der bestehenden Häuser würden dadurch erschlossen.
Die nach Auskunft der VG-Verwaltung Trier-Land ermittelten Kosten für dieses Projekt lagen anfangs bei 418 000 Euro. Inzwischen wird von 388 000 Euro ausgegangen. Bezahlen müssen das zum großen Teil die Gebührenzahler in der Verbandsgemeinde Trier-Land.
Denn seit 2009 werden die Kosten für Baugebiete nicht mehr nur von Grundstücksbesitzern im Gebiet und der entsprechenden Ortsgemeinde übernommen, sondern von der Gemeinschaft aller Gebührenzahler. Das gilt für Wintersdorf genauso wie für Vorhaben in anderen Orten in der VG.
Wer will diese Erschließungsstraße überhaupt?: Bisher möchte allein die Kreisverwaltung, dass am Ortsrand von Wintersdorf eine Erschließungsstraße samt Leitungen gebaut wird. Nach Auskunft von Wintersdorfs Ortsvorsteher Volker Barth und von Ralingens Ortsbürgermeister Oswald Disch hat bisher kein Anlieger gefordert, dass ein neuer Weg gebaut wird. Den beiden Kommunalpolitikern ist ebenso wie Wolfgang Reiland, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Trier-Land klar, dass gebaut werden müsste, wenn einer der Hausbesitzer das gerne hätte.
Die Zurückhaltung der Anwohner hat möglicherweise wohl auch damit zu tun, dass 90 Prozent der Kosten der Oberflächenentwässerung von den Anliegern übernommen werden müssen. Das wären rund 47 800 Euro.
Nicht nur Barth und Disch halten die Belastung für die Anwohner und die Solidargemeinschaft in der VG für zu hoch. Auch der Gemeinderat Ralingen wünscht sich eine andere Lösung. Das Gremium hat deshalb beschlossen, dass nur eine Straße gebaut werden soll - ohne Kanal und ohne Wasserleitung.
Bürgermeister Wolfgang Reiland sagt, dass er und seine Verwaltung mit der Entwicklung in Wintersdorf auch nicht glücklich sind. "Aufgrund der Rechtslage besteht seitens der VG-Werke die Verpflichtung zur Erschließung, wenn eine Gemeinde aus dem Flächennutzungsplan heraus ein Baugebiet entwickelt", sagt er.Meinung

Nur noch Kopfschütteln
Die luxemburgischen Nachbarn sprechen manchmal eher despektierlich gemeint von den Preußen, die östlich der Sauer wohnen. Da schwingt dann auch ein wenig mit, dass es hierzuland manchmal offensichtlich nur darum geht, Verordnungen und Gesetze stur durchzusetzen, weil es ums Prinzip geht. Gesunder Menschenverstand hat dabei nicht unbedingt immer etwas zu suchen. Da sollen 388 000 Euro in einen Wintersdorfer Wirtschaftsweg investiert werden. Vor allem deshalb, damit alles seine schöne städtebauliche Ordnung hat. Mit solch einer Ordnungsliebe schafft man es allenfalls ins Schwarzbuch des Steuerzahlerbunds. Mit Augenmaß und bürgernaher Verwaltung hat das nichts zu tun. Mögen auch alle Verwaltungen richtig gehandelt haben und sich keiner Schuld bewusst sein. Ein normaler Mensch kann bei solch einem Verwaltungshandeln nur den Kopf schütteln. h.jansen@volksfreund.de