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"Alles tut weh. Denken, fühlen, atmen!"

Johannes Metzdorf-Schmithüsen und Melanie Noesen lesen aus dem Tagebuch der Yvonne Useldinger, an der Gitarre Hany Hesmat. TV-Foto: Sandra Blass-Naisar
Johannes Metzdorf-Schmithüsen und Melanie Noesen lesen aus dem Tagebuch der Yvonne Useldinger, an der Gitarre Hany Hesmat. TV-Foto: Sandra Blass-Naisar
Schweich. "Stark genug, alles zu tragen" war ein bewegender Abend zum Holocaust-Gedenktag in der Schweicher Synagoge überschrieben. Vorgelesen wurde aus dem Tagebuch der kommunistischen Luxemburger Widerstandskämpferin Yvonne Useldinger, geschrieben im Frauen-KZ Ravensbrück.

Schweich. "Man fühlt, man denkt, doch die Worte fehlen!", notiert Yvonne Useldinger. Zwischen dem 3. Dezember 1944 und dem 27. Mai 1945 schildert die damals 23-jährige Frau ihre Erlebnisse, Sehnsüchte, Gefühle und Eindrücke. Es sind bedrückende, beklemmende Passagen, die sie unter extremen psychischen und physischen Belastungen in ihr Tagebuch geschrieben hatte. Melanie Noesen, mehrfach ausgezeichnet für künstlerisches Sprechen, und Johannes Metzdorf-Schmithüsen, evangelischer Theologe und ehemaliger Studentenpfarrer in Trier, lasen anlässlich des Holocaust-Gedenktags abwechselnd die Einträge in der ehemaligen Synagoge Schweich.
Seit mehr als zwei Jahren initiiert die Projektgruppe "Jüdisches Leben in und um Schweich" unter der Leitung von Pastoralreferent Matthias Schmitz Veranstaltungen sowohl zum Holocaust-Gedenktag wie auch zur Reichspogromnacht im November. Mit der finanziellen Unterstützung des Fördervereins KZ Hinzert konnten die Schweicher Kathrin Meß von der Universität Luxemburg gewinnen. Die Historikerin hat mit dem Tagebuch der Yvonne Useldinger promoviert und forscht seit vier Jahren über Luxemburgerinnen in deutschen Konzentrationslagern.
Useldinger, die sich in Luxemburg aktiv im politischen Widerstand gegen das Nazi Regime engagiert, wird nach der Heirat mit Arthur Useldinger, einem führenden Kommunisten, von der Gestapo verhaftet. Ihre Tochter bringt sie noch im Trierer Polizeigefängnis zur Welt, wenige Monate später wird sie nach Ravensbrück verschleppt, wo sie für den Rüstungskonzert Siemens & Halske arbeiten musse.
"Ich komme mir vor wie ein Zuschauer. Grausame Tragödien ziehen wie Schattenspiele an mir vorüber!", schreibt sie und berichtet von den Frauen, die im Lager Kinder gebären und Kinder verlieren. "Alles tut weh. Denken, fühlen, atmen, sich an das Kind erinnern."
Useldinger schreibt ein authentisches, erschütterndes Zeitzeugnis über die letzten Monate im Konzentrationslager. Das Schreiben hatte für sie, so betont Kathrin Meß, "die wichtige Funktion, als ein Individuum für Momente zu sich selbst zu kommen, sich abzugrenzen gegen eine Umwelt, in der das Leben des Einzelnen nicht mehr zählte und in der Einzelne sich nicht mehr als Individuen wahrnehmen konnten". Wer das Tagebuch lese, erlebe, wie die Autorin um seelische Balance und Selbsterkenntnis ringe, wie Wissen, Erfahrungen und Erinnerungen gesichert und verarbeitet werden gegen ständig drohende Auslöschung.
Yvonne Useldinger hatte Glück im Unglück: Gemeinsam mit 80 Luxemburger Frauen wurde sie Ende April 1945 vom schwedischen und dänischen Roten Kreuz nach Schweden evakuiert und überlebte. Musikalisch wurde der sehr emotionale Abend in der Synagoge von Hany Heshmat an der Gitarre behutsam und einfühlend begleitet.
Das Tagebuch "... als fiele ein Sonnenschein in meine einsame Zelle", im Metropol-Verlag erschienen, fand im Anschluss an die Lesung im Foyer der Synagoge regen Zuspruch. sbn