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Ein Glas Sekt und ein Schwert zum Einstand

Generationenwechsel bei Kaseler Traditionsbetrieb: Carmen von Nell-Breuning (Mitte) stößt mit ihren Eltern Ingeborg und Christoph von Nell-Breuning auf die gelungene Übergabe an. Seit dem 1. Juli führt die 36-Jährige das Weingut. TV-Foto: Christa Weber
Generationenwechsel bei Kaseler Traditionsbetrieb: Carmen von Nell-Breuning (Mitte) stößt mit ihren Eltern Ingeborg und Christoph von Nell-Breuning auf die gelungene Übergabe an. Seit dem 1. Juli führt die 36-Jährige das Weingut. TV-Foto: Christa Weber
Kasel. Die Familie von Nell-Breuning und ihr Weingut prägen seit mehr als einem Jahrhundert Geschichte und Ortsbild von Kasel. Diese Tradition wird nun fortgesetzt: Die 36-jährige Betriebswirtin Carmen von Nell-Breuning hat das Gut ihrer Eltern übernommen, das diese seit 1970 bewirtschaftet hatten. Christa Weber

Kasel. Für Ingeborg und Christoph von Nell-Breuning ist Wein "keine Ware, sondern ein Kulturgut". 43 Jahre lang hat das Paar das Traditionsgut von Nell-Breuning in Kasel geleitet. Seit dem 1. Juli führt die jüngste der drei Töchter, Carmen von Nell-Breuning (36), das Geschäft - nunmehr in elfter Generation (siehe Extra zu Historie).
In Familienbesitz sind sieben Hektar Anbaufläche in Kasel, wo vorwiegend Riesling geerntet wird. Ein zweites Standbein ist die Sektmanufaktur, die älteste im Ruwertal.
Die Leitung des Weinguts ist für Carmen von Nell-Breuning, die in Bamberg Betriebswirtschaftslehre studiert, in Wien promoviert und zuletzt in Luxemburg in der Finanzbranche gearbeitet hat, "ein großer Schritt, vor dem ich Respekt habe." Die "Verbundenheit zum Wein" sei jedoch immer da gewesen. Die Eltern würden sie noch eine Weile "einarbeiten". Unterstützt werde sie zudem von Kellermeister Günter Gindorf, zwei Angestellten und sechs Aushilfen. Die früheren Gutsbesitzer wollen sich allmählich in die Eifel zurückziehen. "Aber ich bleibe immer ein Kaseler Kind, und das Weingut bleibt tief in unserem Herzen", sagt Ingeborg von Nell-Breuning.
Die Tochter hat bereits einige Visionen: Sie hat neue Etiketten entworfen und möchte den Kundenstamm des Guts erweitern. "Privatkunden sollen das wichtigste Standbein bleiben, aber mir schwebt auch eine stärkere Internationalisierung und gehobene Gastronomie vor." Es mache ihr "Freude, unseren Wein in die Welt zu tragen".
Dabei könnte der 36-Jährigen ihr Sprachtalent nützen: Sie spricht englisch, französisch, spanisch, italienisch und russisch. Russland etwa hält Carmen von Nell-Breuning, die ein Semester in St. Petersburg studiert hat, für einen "interessanten Markt". Sie habe dort "viele Freunde und Kontakte".
Wein ist für die junge Frau "ein Geschenk. Er hat etwas Schöpferisches, er begleitet uns bei besonderen Momenten". Um dieses "kreative Produkt" zu vermarkten, ist ihr ein gemeinsamer Auftritt der Winzer wichtig. "Mit Projekten wie Terroir Moselle tut sich da schon viel", sagt sie. In dem Projekt werben deutsche, luxemburgische und französische Winzer für ihre Moselweine.
Gemeinsame Aktionen seien auch im Ruwertal wichtig, findet Ingeborg von Nell-Breuning: "Das kleine Gebiet mit vielen Spitzenweingütern ist einzigartig." Die junge Generation denke allerdings "großflächiger". Zusammen anpacken, sagt Christoph von Nell-Breuning, müsse man die Entwässerungsprobleme in den Weinbergen.
Das Unwetter vom 8. Juni hat auch bei den von Nells große Schäden hinterlassen: "Wege waren verschüttet, der beste Boden weggeschwemmt. Das Problem kann man nur zusammen lösen", sagt der frühere Weingutsbesitzer.
Damit die Tochter solche Schwierigkeiten meistert, gab\'s zum Einstand ein besonderes Geschenk: den Ehrendegen des Urgroßvaters Arthur von Nell. "Andere übergeben ein Zepter, ich ein Schwert", sagt der Vater mit einem Augenzwinkern. Die Betriebsübergabe soll Ende September mit einem großen Fest gefeiert werden.Extra

Name und Historie: Der Weinbau prägt seit fast 350 Jahren die Geschichte der Familie von Nell. Begründer der Tradition ist 1670 Peter Christian Nell, der 1709 vom Römischen Kaiser Joseph I. geadelt wird. Ein Schriftzug seines Namens ziert jede Flasche des Hauses. Anfang des 19. Jahrhunderts zur Zeit Napoleon Bonapartes erwirbt Christoph Phillipp von Nell große Ländereien und Weinberge in und um Trier, auch im Ruwertal. In Trier ist heute noch das Weingut Georg Fritz von Nell im Familienbesitz. In Kasel baut Oskar von Nell 1890 das Weingut samt Keller, das Ingeborg und Christoph von Nell-Breuning 1970 übernehmen. Angebaut wird vorwiegend Riesling in der Hauptlage Kaseler Dominikanerberg sowie am Kaseler Kehrnagel und Kaseler Nies\\'chen. Aus letzterer wird der einzige Spätburgunder-Rotwein der Lage geerntet. Die Weine wurden mehrfach mit Goldmedaillen und dem Staatsehrenpreis des Landes Rheinland-Pfalz ausgezeichnet. Zum Gut gehört heute auch das Landgasthaus Pauliner Hof aus dem 18. Jahrhundert. Den Namen von Nell-Breuning tragen der Familienzweig im Ruwertal und das Kaseler Weingut seit 1980. Damals übergab Oswald von Nell-Breuning, der bekannte Theologe und Begründer der Katholischen Soziallehre, seinen Namenszusatz an seinen Neffen und Patensohn Christoph von Nell. (Quelle www.weingut-von-nell.de) cweb