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"Es sind stramme Tage" - Silke Bigge, Ortsbürgermeisterin von Farschweiler, legt Amt nieder

Die Ortsbürgermeisterin von Farschweiler, Silke Bigge (hier bei der Stimmauszählung für den Bürgerentscheid zum Wanderweg in Farschweiler) hat am Montag ihr Amt niedergelegt. Archiv-Foto: Christa Weber
Die Ortsbürgermeisterin von Farschweiler, Silke Bigge (hier bei der Stimmauszählung für den Bürgerentscheid zum Wanderweg in Farschweiler) hat am Montag ihr Amt niedergelegt. Archiv-Foto: Christa Weber
Farschweiler. Silke Bigge (47) hat am Montag ihr Amt der Ortsbürgermeisterin von Farschweiler niedergelegt. Neben Beruf und Familie sei diese Tätigkeit nicht mehr leistbar, begründet sie diesen Schritt. Die Amtsgeschäfte führt bis auf weiteres die 1. Beigeordnete Elke Morgen. Albert Follmann

Seit der Kommunalwahl 2009, also mehr als sieben Jahre, war Silke Bigge Ortsbürgermeisterin im Hochwald-Ort Farschweiler. Nun hat sie das Handtuch geworfen und ihr Amt in der "Perle des Hochwalds", wie sich die 800-Einwohner-Gemeinde im Internet bezeichnet, mit Wirkung zum 17. Oktober niedergelegt. Mit diesem Zeitpunkt hatte auch der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Ruwer, Bernhard Busch, nicht gerechnet. "Ursprünglich sollte Frau Bigge zum Jahresende ausscheiden, dass sie jetzt geht, hat mich überrascht." Er dankt der scheidenden Ortsbürgermeisterin für ihren Einsatz. Sie sei oft neue Wege gegangen und habe für den Ort Vieles erreicht.

Im Gespräch mit dem TV bemerkt die 47-Jährige, ihr Rückzug sei keine spontane Entscheidung gewesen. Vielmehr hätten sich die Ereignisse im letzten Jahr "aufgeschaukelt". Die Mentalität vieler Menschen, Forderungen zu stellen und Rechte einzuklagen, mache die Arbeit mehr als schwer. Bigge: "Die Anforderungen werden immer höher, viele Bürger erwarten permanente Anwesenheit und Ansprechbarkeit. Es sind stramme Tage." Auch herrsche bei manchen im Ort Unverständnis darüber, dass sie durch ihre Berufstätigkeit nun weniger Zeit habe als vorher, wo sie "nur" Hausfrau und dreifache Mutter war. Seit November 2015 arbeitet Silke Bigge bei der Gesellschaft für Sozialprojekte und Jugendhilfe (Gesos) in Trier. Die Amtsniederlegung sei auch "zum Schutz und Wohle der Familie" erfolgt.

Oft die Prügelknaben

Sie habe ihr Amt mit viel Herzblut ausgeübt und sich als Kümmerin verstanden, oft sogar als Seelentrösterin, sagt die scheidende Ortsbürgermeisterin. Leider habe sie die Erfahrung machen müssen, dass der Respekt vor dem Ehrenamt abnehme. Hinzu komme ein erhöhter Arbeitsaufwand durch immer mehr Bürokratie und gestiegene Anforderungen, etwa im Bau- und Kommunalrecht. Eine administrative Unterstützung, beispielsweise durch den stundenweisen Einsatz einer Schreibkraft, sei wünschenswert.

Von dieser Idee hält Bürgermeister Busch nicht viel: "Das gibt ja anderseits wieder mehr Absprache- und Koordinationsbedarf." In anderen Punkten pflichtet er Bigge bei. Die Anspruchshaltung sei gestiegen, auch habe der Respekt vor dem Ehrenamt nachgelassen. Ortsbürgermeister seien oft die Prügelknaben, bekämen jeden Unmut in der Bevölkerung zu spüren. Auch werden die Ortschefs nach Ansicht Busch "mit Material überschwemmt". Als Beispiel nennt er das EU-Förderprogramm "Leader". "Versprochen wird, dass Projekte einfach realisiert werden, aber in Wirklichkeit wird alles komplizierter, weil jeder Schritt begründet und dokumentiert werden muss."

Die 1. Beigeordnete Elke Morgen wird nun übergangsweise die Amtsgeschäfte in Farschweiler führen. Da die nächste Kommunalwahl erst im Frühjahr 2019 ist, ist es nun die Aufgabe des Gemeinderats, einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für Silke Bigge zu wählen. Noch gebe es keinen Interessenten, sagt Busch. Bürger könnten beim Gemeinderat Personen vorschlagen, die ihrer Meinung nach für diesen Posten geeignet sind.

Wenn sich niemand bereit erklären sollte, kann die Kreisverwaltung als kommunale Aufsichtsbehörde jemanden bestimmen. Dies war beispielsweise in Aach der Fall (siehe Extra).Meinung

Ein schwieriger Job

Von Albert Follmann

Beruf, Familie, und dann auch noch der zeitaufwendige und nervenzerreißende Job einer Ortsbürgermeisterin - da ist die Frage berechtigt, wie das funktionieren soll. Dass Silke Bigge hingeschmissen hat, wer will es ihr verdenken? Wenn jemand den Eindruck gewinnt, die ehrenamtliche Arbeit wird nicht mehr gewürdigt oder man erwartet mehr als man zu leisten imstande ist, dann fehlt die entscheidende Komponente, um eine Kommune erfolgreich zu führen: Motivation. Offensichtlich hat es zuletzt in Farschweiler an Anerkennung und Respekt für die Ortsbürgermeisterin gefehlt. Als sie vor einem Jahr einen Job in Trier annahm, war wohl auch nicht mehr die Zeit oder der Wille da, um aufkommende Differenzen auszuräumen.

Farschweiler hat jetzt vorweggenommen, was bei der Kommunalwahl 2019 ein Riesenproblem werden könnte: Wer will noch freiwillig rund um die Uhr präsent sein und am Ende doch als Buhmann dastehen?

a.follmann@volksfreund.deExtra: Vakanz

50 unbesetzte Ortsbürgermeisterstellen gab es nach der Kommunalwahl 2014 in der Region. Zur Hälfte betroffen war der Eifelkreis Bitburg-Prüm. Im Kreis Trier-Saarburg blieb Aach (Verbandsgemeinde Trier-Land) ein Jahr ohne Gemeindeoberhaupt. Niemand zeigte für diesen Posten Interesse. Die Kreisverwaltung betraute drei Monate einen Beamten der VG-Verwaltung mit den Ortsgeschäften. Schließlich meldete sich bei einer Einwohnerversammlung eine Interessentin, die dann auch vom Rat zur Ortsbürgermeisterin gewählt wurde. alf