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In fünf Jahren ist es zu spät

Infrastruktur Alexander Hilker, Schweich

Zum Artikel "Ein Zaun für Sauberkeit und Ordnung" (TV vom 18. Oktober):

Der Kreistag hat sich offenbar einen neuen europäischen Trend zum Vorbild genommen: Problemlösung durch Zaunbau - anders ist der überbordenden Zerstörung und Vermüllung am Stefan-Andres-Schulzentrum offenbar nicht mehr Herr zu werden. Wenn man in einigen Monaten stolz das fertige Werk betrachten kann, wachsen anderswo die Sorgenfalten.
Da ich unterstelle, dass es seitens des Kreistags keine Pläne gibt, die hiesigen Jugendlichen mit Schleuserbanden zum Mittelmeer zu karren, um sie dann in Schlauchbooten sich selbst zu überlassen, werden sie sich andere Treffpunkte suchen. Wie wäre es mit dem Kirchplatz? Stellen wir uns den sonntäglichen Kirchgang durch ein Scherbenmeer und weggeworfene Chipstüten vor. Geht gar nicht. Lasst uns einen Zaun drum bauen, dann wird es auch hier wieder sauber.
Oder der in Bälde neu gestaltete Bahnhof - in sauber auch schöner. Also Zaun drum. Moselufer, Supermarktparkplätze - die Aufzählung lässt sich beliebig fortsetzen. Aber schieben wir die Ironie beiseite und betrachten sachlich, was hier passiert: Es wird Geld in die Hand genommen, um Infrastruktur in unserer Mitte vor unseren eigenen Kindern zu schützen. Ein größeres Armutszeugnis kann sich eine Gesellschaft wohl kaum ausstellen.
Denkt doch mal groß: Trotz Zäunen in Teilen Europas ist absehbar, dass der Bedarf an Flüchtlingsunterkünften in der Region sinkt. Das Gebäude in Schweich ist doch ganz schick. Nehmt die 100 000 Euro und macht ein ordentliches Jugendzentrum draus. Die seit Jahren andauernde hartnäckige Verweigerung der politisch Verantwortlichen diesem Thema gegenüber steht für mich auf gleicher Stufe der Unsäglichkeit wie das Zaunprojekt. Eine wachsende Stadt, die für sich den Anspruch erhebt, Mittelzentrum zu sein, muss mehr zu bieten haben als Konzepte zur Verkehrsbewältigung. Von Anfang an wurden die Chancen, aber auch die Herausforderungen, die das riesige Neubaugebiet Ermesgraben mit sich bringt, unterschätzt und man läuft den Entwicklungen hinterher. Angefangen hat es mit der Grundschule, die völlig überraschend aus allen Nähten platzte und genauso überraschend werden die Kinder nun älter. Gehandelt werden muss jetzt - in fünf Jahren ist es zu spät.
Alexander Hilker, Schweich