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Historie
Neuer Teil der Dauerausstellung: Jüdische Spuren reichen bis 1663

Historiker Hermann Erschens präsentiert Festgästen in der ehemaligen Schweicher Synagoge die Info-Tafel.
Historiker Hermann Erschens präsentiert Festgästen in der ehemaligen Schweicher Synagoge die Info-Tafel. FOTO: Sandra Blass-Naisar
Schweich/Mehring. Die Geschichte der Juden in Mehring wird bei einem Festakt in der ehemaligen Synagoge in Schweich lebendig.

So wie es sich die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, vor acht Jahren bei der Eröffnung gewünscht hat, wird der „Staffelstab der Erinnerung” konsequent weitergeleitet. Es geht um das  jüdische Leben in den Orten der heutigen Verbandsgemeinde Schweich.

Die ehemaligen jüdischen Mitbürger, die vor den Nationalsozialisten fliehen mussten und vielfach ermordet wurden, sollen einen Platz haben im Bewusstsein der Menschen, die heute hier leben. Die Dauerausstellung Jüdisches Leben in und um Schweich ist nach Etappen in Schweich, Leiwen, Klüsserath und Fell um ein weiteres Kapitel, nämlich das von der Moselgemeinde Mehring, erweitert worden.

In einem Festakt hat der Historiker Hermann Erschens Einblick in seine Recherchen gegeben. Der frühere Realschulrektor, für den Heimat eine Herzensangelegenheit ist, ist den Spuren jüdischen Lebens in Mehring akribisch nachgegangen. Musikalisch stimmungsvoll umrahmt wurde der Abend in der ehemaligen Synagoge in Schweich vom Blockflötenorchester „Allegro“ unter der Leitung von Marianne Jostock.

Einen ersten Hinweis auf Juden in Mehring hat Erschens in einer Steuerliste des Amtes Pfalzel aus dem Jahr 1663 gefunden, wo der Jude Baroch mit seiner Frau und einer Ziege erwähnt wurde. 1885 sei mit 57 Juden der Höchststand erreicht worden, bereits Ende 1938 habe es keine Juden mehr in Mehring gegeben.

Die wohlhabendsten jüdischen Mitbürger seien um 1800 Mayer Schweich und sein Sohn Götschel sowie Samuel Lieser gewesen. Mayer Schweich habe Immobilien, Häuser und landwirtschaftliche Flächen besessen und habe zu den drei reichsten Juden des Saardepartements gezählt. Die Juden in Mehring seien überwiegend Händler, vor allem Viehhändler, gewesen und führten Geschäfte für Backwaren, Schuhe, Kolonial- und Schreibwaren sowie eine Buchdruckerei. Es habe aber auch arme Juden, wie Tagelöhner und Hausierer, gegeben.

Religiöser Mittelpunkt der jüdischen Gemeinde sei die Synagoge gewesen, die in der Nähe der Kirche stand. Nach der Reichspogromnacht (9./10. November 1938), in der sie geschändet wurde, sei das Gebäude von der Gemeinde für 2500 Reichsmark aufgekauft, zum Kinderheim umgebaut und der NS-Volkswohlfahrt zur Verfügung gestellt worden. 1939 sei ein Kindergarten eingezogen, nach dem Krieg die Pfarrbücherei und im Jahr 2000 sei das Gebäude an einen Privatmann verkauft worden.

Der Friedhof (vor zwei Jahren von der Gemeinde Mehring im Rahmen der Erschließung des Neubaugebietes „Zellerberg“ saniert) habe damals nach kultischem Reinheitsgebot, wonach die Wohnungen der Toten und die der Lebenden voneinander zu trennen sind,
außerhalb des Ortes gelegen. Weil es keine Grabsteine und keine Grabinschriften mehr gebe, künde leider nichts mehr von den Toten, die hier auf dem 403 Quadratmeter großen Friedhof bestattet wurden.

Hermann Erschens berichtet von einem selbstverständlichen Miteinander von Juden und Nichtjuden. Man besuchte sich bei Familienfeiern, spielte gemeinsam Fußball und sang gemeinsam im Verein. „Aber es gab auch die andere Seite“, sagt Erschens. „Es gab Vorurteile, vor allem religiös geprägte, wie der Vorwurf, die Juden trügen Schuld am Tode Jesu.“
Unverständnis bei religiösen Vorschriften, abergläubische Vorstellungen und Konflikte durch Viehhandel und Geldverleih hätten immer wieder für Zündstoff gesorgt.

Als die Nazis am 1. April 1933 zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen hätten, seien auch in Mehring SA-Posten durch den Ort gezogen. Wer sich für die Juden einsetzte,
riskierte, alles zu verlieren, wie die Anzeige gegen den Mehringer Fischereimeister Julius Bayer und dessen Sohn Karl zeigt. Weil er das befreundete Ehepaar Isaak zur Hochzeit nach Trier gefahren hatte, wurde er auf Beschluss der Kreisleitung all seiner Ämter enthoben. Auch andere Übergriffe und Schikanen künden von dunklen Stunden. Etwa die Hälfte der Mehringer Juden, so der Historiker, konnte rechtzeitig emigrieren, die andere Hälfte wurde Opfer des Holocaust.