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Energie
AKW Fessenheim soll abgeschaltet werden - Keine Abschaltperspektive für Cattenom und Tihange

Symbolfoto
Symbolfoto FOTO: friedemann vetter (ve._), Friedemann Vetter
Cattenom/Tihange. Trotz ständiger Pannen bleiben die Atomkraftwerke Cattenom und Tihange weiter am Netz. Bis März soll ein Gutachten das Risiko der Anlage in Frankreich belegen.

In Deutschland ist Kernenergie ein Auslaufmodell. Doch die Angst vor einem atomaren Unfall besteht weiter. Nicht zuletzt weil Deutschland grenznah umringt ist von in die Jahre gekommenen, altersschwachen Reaktoren. Etwa in Tihange in Belgien, rund 140 Kilometer von Prüm entfernt. Von Saarburg aus sind es gerade Mal 50 Kilometer bis nach Cattenom, wo seit 1986 mit Atom Strom produziert wird. Und Fessenheim im Elsass, wo das älteste Kernkraftwerk Frankreichs noch immer seinen Dienst tut, ist auch nur einen Steinwurf von Deutschland weg.

Letzteres soll, so die Planungen in Frankreich, in gut einem Jahr abgeschaltet werden. Voraussetzung dafür ist, dass der Betreiber, der französische Energiekonzern, EDF, das Ende seiner Betriebserlaubnis für die seit 1977 laufende Anlage beantragt. Das wird aber erst der Fall sein, wenn ein neuer, deutlich leistungsstärkerer Reaktor in Flamanville am Ärmelkanal ans Netz geht. Geplant ist das für Ende des Jahres.

Das wiederum zeigt, dass man in Frankreich weiter auf Atomkraft setzt. Unter dem sozialistischen Staatsschef François Hollande wurde zwar beschlossen, dass der Anteil des Atomstroms von derzeit 75 auf 50 verringert werden soll. Doch Hollandes Nachfolger Emmanuel Macron hat sich von diesem Szenario verabschiedet. Eine Reduzierung von Atomstrom sei nur dann realistisch, wenn gleichzeitig mehr Strom aus (klimaschädlicher) Kohle produziert wird. Daher ist es auch unwahrscheinlich, dass Cattenom in absehbarer Zeit vom Netz gehen wird. Geplant war die Abschaltung der Anlage auch unter Hollande nicht. Auch wenn das seit Jahren vor allem Rheinland-Pfalz, das Saarland und Luxemburg fordern.

Die Anlage ist mit seinen vier Reaktorblöcken die siebtgrößte Anlage der Welt. Seit sie am Netz is, hat es über 800 meldepflichtige Zwischenfälle gegeben. Um das Kraftwerk für mindestens weitere zehn Jahre zu betreiben, hat EDF Milliarden investiert, allein am Block 1 wurden fast 20 000 Reparaturen durchgeführt, so hat das Reaktorgebäude eine neue Schutzhülle bekommen.

Rheinland-Pfalz und das Saarland planen gemeinsam gegen den Weiterbetrieb des pannenanfälligen Kraftwerks zu klagen. Seit fast zwei Jahren wird die Möglichkeit  dafür ausgelotet. Dazu muss nachgewiesen werden, dass Cattenom ein schwerwiegendes Sicherheitsrisiko darstellt. Dafür reicht allerdings nicht die Auflistung der Pannen aus. Dazu haben die beiden Bundesländer ein sicherheitstechnisches Gutachten in Auftrag gegeben. An dem arbeiten nach TV-Informationen das Darmstädter Öko-Institut und der frühere Sachverständige bei der deutschen Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit, Manfred Mertins. Dieser hatte bereits vor zwei Jahren im Auftrag der Grünen im Bundestag ein Gutachten zu möglichen Sicherheitsproblemen in Cattenom erstellt. Darin kam er zum Schluss, dass der Weiterbetrieb der Anlage ein Risiko darstellt. Im rheinland-pfälzischen Umweltministerium rechnet man damit, dass das Gutachten im Februar 2018 vorliegen wird. Es sei geplant, die Ergebnisse Ende März in Trier vorzustellen, sagte eine Ministeriumssprecherin.

Mit der Klage gegen das Atomkraftwerk Tihange ist das Land bereits weiter. Zumindest herrscht gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen Übereinstimmung, dass man gegen den Weiterbetrieb vor Gericht ziehen will. Doch selbst wenn es dazu kommen soll, scheint es fraglich, dass damit das Ende der Anlage, in deren Druckbehälter rund 3000 Haarrisse entdeckt worden waren, herbeigeführt werden kann. Denn in Belgien gilt genau wie in Frankreich Atomkraft als saubere, weil klima­freundliche, Energie. 66 Prozent des Strombedarfs wird dadurch produziert, Wind- und Sonnenstrom machen weniger als 10 Prozent aus. Nicht ohne Stolz verweist man im Nachbarland darauf, das man – anders wie Deutschland, das nach dem Atomausstieg zusätzlich auf Kohlestrom setzt – die Klimaziele erreicht und bis 2020 den Ausstoß von CO2 deutlich reduzieren wird. Zwar gibt es in Belgien die Absicht, bis 2025 aus der Atomenergie auszusteigen. Für realistisch hält man diese jedoch nicht. Zumal nicht geklärt sei, wie der enorme Strombedarf der Industrie vor allem des Hafens in Antwerpen gedeckt werden soll. Und, so die Mahnung der Ausstiegskritiker, ohne Atomkraft werde Strom unbezahlbar. Daher ist davon auszugehen, dass Tihange weiter am Netz bleiben wird. Es sei denn, es werden Pläne realisiert, die im vergangenen Jahr in Nordrhein-Westfalen diskutiert wurden. Demnach soll über eine grenzüberschreitende Stromleitung deutscher Braunkohlestrom nach Belgien geliefert werden und zwar so viel, wie die belgischen Atomkraftwerke produzieren.