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Ungeoutet an Weihnachten: Wenn sich Homosexuelle verstecken müssen

Queere Menschen : Ungeoutet an Weihnachten: Wenn sich Homosexuelle am Fest der Liebe verstecken müssen

An Weihnachten treffen sich vielerorts Familien und Partner an einem Tisch. Doch was, wenn Menschen ihre Beziehung verheimlichen müssen, weil sie Angst haben, vor der Familie dazu zu stehen, für welches Geschlecht sie schwärmen? Eine gleichgeschlechtlich liebende Frau erzählt von der Reise zwischen zwei Welten.

 Julia* sitzt mit ihrer Familie am festlich gedeckten Tisch. Alle vier Kerzen des Adventskranzes brennen, der Duft des Weihnachtsbratens legt sich in den Raum. Die 30-Jährige lebt in Trier, doch an Weihnachten geht’s in die Heimat – in ein einige Kilometer entferntes Dorf. Hier ist alles kleiner und konservativer. Schön, wenn man den Trubel der Großstadt hinter sich lassen und gegen die Idylle tauschen kann. Ein gleichzeitig entspannter, wie auch perfekter Moment im vergangenen Jahr.

Doch als der Braten in den Bäuchen der Familie schlummert, die letzten Löffel des Desserts dazwischengeschoben und die nächste Flasche Wein geöffnet wird, wendet sich das perfekte Familienbild. „Ist denn niemand mehr normal? Nur noch Bekloppte“, sagt ein Familienmitglied, als das Gespräch auf homosexuelle Menschen fällt. Julia wehrt sich. Verteidigt diejenigen, die man nicht verteidigen müssen sollte. Der Lohn: Sie wird belächelt. Also schluckt Julia die Kommentare herunter. Doch jetzt merkt sie wieder, was ihr fehlt: ihre Freundin.

Queere Menschen an Weihnachten: Wenn man sich bei der Familie verstecken muss

Denn Julia lebt seit eineinhalb Jahren in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft mit einer – wie sie sagt – „so tollen Frau“. Tauscht sie das Idyll wieder gegen die Großstadt, dann wird alles normal sein. Ihr Freundeskreis weiß, welches Geschlecht sie liebt. Ihre Familie nicht.

Noch nicht? „Irgendwann werde ich es ihnen sagen“, erklärt Julia. Schließlich wolle sie ihre Freundin nicht im Schrank verstecken müssen, wenn sie Besuch aus der Heimat bekommt. Aber jetzt ist erst mal Weihnachten. Das Fest der Liebe. Das Fest, an dem sie sich dafür verstecken muss, wen sie liebt. Julia hat Angst davor, was passiert, wenn sie das – warum auch immer – perfekte Bild der heterosexuellen Frau, die im idyllischen Dorf aufgewachsen ist, zerbricht. „Was mich zurückhält“, sagt sie, „ist das ganze Gerede in der Familie. Ich habe mitbekommen, wie über Leute geredet wird, die sich irgendwie ‚anders’ verhalten oder anders leben. Die werden direkt als völlige Freaks dargestellt oder man hat Mitleid mit ihnen.“

Gleichzeitig nimmt Julia ihre Familie in Schutz: „Die sind nicht so schrecklich, wie es ich anhört“, scherzt sie und nimmt sich teilweise auch selbst in die Schuld: „Vielleicht bin ich da auch einfach zu ängstlich.“

Dieses Jahr ist das zweite Weihnachten, seit Julia mit ihrer Freundin zusammen ist. Wieder wird sie ohne ihre Partnerin in der Heimat sitzen. Wieder wird es – wahrscheinlich – den einen oder anderen Spruch hageln. Wieder werden die Verwandten mit einem Augenzwinkern fragen, wieso sie mit 30 noch keinen Freund habe. „Wahrscheinlich hält mich meine Familie nur für einen Dauersingle“, sagt die scherzhaft.

Es gibt diese Momente, in denen Julia gerne einfach alles sagen würde. In denen sie am Tisch sitzt und gerne den Mund öffnen und allen mitteilen würde, dass sie nun mal Frauen liebt. „Aber das werde ich nicht noch einmal machen“, sagt sie. Noch einmal, weil ihre Freundinnen in einem solchen Moment von ihrer Liebe zu Frauen erfahren haben: „Da bin ich ein gebranntes Kind“, sagt sie. Damals saß sie mit ihren Freundinnen zusammen, diese scherzten darüber, dass sie doch sicherlich in einen ganz bestimmten Mann verliebt sei.

Als es Julia zu viel wird, sagt sie, dass sie eher auf Frauen stehe und für welche sie Gefühle habe. „Daraufhin kamen die tollsten Reaktionen von ‚Du willst dich nur interessant machen’ über ‚Das ist nur eine Phase’ bis hin zu demonstrativem Wegrücken mit dem Stuhl“, erklärt sie.

Homosexuelle Menschen und die Angst vor der Reaktion der Familie

Reaktionen, die sie von ihrer Familie nicht erleben möchte. Deswegen wahrt sie den weihnachtlichen Familienfrieden – und verheimlicht die Liebe zu ihrer Freundin. „Ich war immer so ein perfektes, braves Kind. Nie frech, nur gute Noten. Die würden mich dann plötzlich als ganz anderen Menschen sehen“, befürchtet die 30-jährige. Nicht nur das, sie sorgt sich auch darum, dass das Outing auf ihre Mutter zurückfallen würde: „Sie ist eine ganz tolle Mutter, die aber früher auch nie wirklich in das Schema der Leute hier auf dem Dorf gepasst hat.“

Schmit-Z Trier: Outing mit negativen Befürchtungen verbunden

Gefühle und Ängste, mit denen Julia nicht alleine dasteht, erklärt Vincent Maron vom Queeren Kulturzentrum Schmit-z in Trier: „Das Outing vor der eigenen Familie beschreiben viele queere Menschen (Menschen, die durch eine sexuelle oder geschlechtliche Identität von der Norm abweichen, Anm. d. Red) als sehr schwer und es ist mit vielen negativen Befürchtungen verbunden.“ Zwar gebe es in jeder Familie mal Streit, sagt der Bildungsreferent, aber „an sich hat jeder Mensch eben nur eine Familie – und gerade an diesem Ort der sozialen Verbundenheit will man sich wohl fühlen und als Persönlichkeit akzeptiert werden“.

Akzeptiert fühlt sich Julia bei ihrer Freundin und in der queeren Community. Auch deshalb fühlt sie sich oftmals schlecht diesen Menschen gegenüber. „Ich mache mir Vorwürfe gegenüber meiner Freundin, weil ich sie verheimliche, obwohl sie so toll ist“, sagt sie. Ihre Partnerin reagiere darauf zwar sehr „cool“, sehe das entspannt und zeige Verständnis. „Aber vielleicht sollte sie mich einfach mal zwingen“, sagt Julia zunächst im Scherz, bevor sie ernster wird, „vielleicht brauche ich einen Tritt in den Hintern.“

Auch ihrer Familie gegenüber macht sich Julia Vorwürfe, weil sie sie anlüge. Sich selbst wirft sie vor, dass sie sich nicht schon früher geouetet habe: „Dann wäre das vielleicht einfacher gewesen.“ So häufen sich bei ihr immer mehr Dinge an, die das Outing erschweren. Nur vor ihrer 17-jährigen Cousine stand sie bisher zu ihren Gefühlen. Diese reagierte locker verständnisvoll. Vor ihren Eltern wollt sich Julia schon bereits zweimal outen. „Aber dann saß ich mit trockenem Mund da und bekam keinen Ton raus“, sagt sie heute.

Vincent Maron macht Julia und anderen Personen Mut: „An sich sollte sich kein queerer Mensch schlecht fühlen, nur weil er sich nicht outen möchte“, sagt er. Dass man nicht geoutet sei, könnte verschiedene Gründe haben. Auch sei es jedem selbst überlassen, ob er am Weihnachtstisch auf „dumme Sprüche“ reagieren wolle: „Dazu benötigt es sehr viel Selbstbewusstsein, Faktenwissen und ein gutes Standing“, sagt der 33-Jährige.

LGBTIQ an Weihnachten: Rolle spielen oder offen sprechen?

Für ein bis zwei Tage könne man sicher eine Rolle spielen, um des Familienfriedens Willen. „Aber glücklich ist man in dieser Zeit sicherlich nicht und kann es sich selbst auch nicht vorgaukeln. Es ist eher eine Art ‚naja besser so als Streit’“, sagt Maron.

Diese Rolle wird auch Julia dieses Jahr wieder spielen. Doch sie wird schwerer, als 2019. Zwar sei der familiäre Kreis coronabedingt in diesem Jahr kleiner, doch weil sie schon länger mit ihrer Freundin zusammen ist, will sie diese der Familie eigentlich endlich vorstellen. „Ich kann ja auch nicht ausschließen, dass ich selbst mal eine Familie habe“, sagt sie. So langsam müsste sie ihrer Familie mal davon erzählen. „Wenn es ein Mann wäre, würde ich ihn ja auch vorstellen.“ Wohl kein Satz als dieser könnte die Situation besser beschreiben.

Doch auch dieses Jahr wird sie das nicht tun. Sie wird wieder in eine andere Welt reisen. Aus der Großstadt in die Idylle. Aus dem Verständnis in das Versteckspiel. Was diese Reise erleichtert ist, dass „das nicht von Heute auf Morgen passiert und man sich darauf einstellen kann“. Man sei langsam schon daran gewöhnt, dass man über manche Dinge nicht reden kann.

„Das macht es zwar nicht besser“, sagt die 30-Jährige, „aber einfacher. Es ist einem nicht permanent bewusst, wie verrückt das ist. Man vergisst oder verdrängt es manchmal.“

Solche Situationen wie die von Julia zeigen für Vincent Maron die Schieflage der Gesellschaft. „Diese existiert jedoch nicht nur an Weihnachten, sondern unter Umständen für manche queere Menschen an jedem Tag. Sei es auf der Arbeit, im öffentlichen Raum oder bei einer Party oder im Ehrenamt. Jedoch ist es für den familiären Kontext sicherlich nochmal eine Ecke härter, denn die Familie kann man sich eben nicht aussuchen“, sagt er.

* der Name wurde geändert, ist der Redaktion allerdings bekannt.