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Verona Kerl schreibt über die Vorliebe von Weintrinkern für Bottleporn

Auslese : Die Wahrheit über Bottle-Porn

Immer wieder stolpere ich über diese Bilder in den sozialen Medien: Eine ganze Batterie von Weinflaschen, nacheinander aufgereiht und alle leer getrunken. Meine Freunde posten sie mit Leidenschaft. Also, das heißt: alle meine Weinfreunde.

So manche Pulle ist dabei, bei deren Anblick ich nach Luft schnappe, weil ich weiß, wie teuer sie ist. Jedesmal wundere ich mich über diese Marotte. Denn ich würde niemals der Welt mitteilen wollen, was und vor allem wieviel ich an einem Abend gebechert habe.

Nun, neulich war ich zu einem runden Geburtstag eingeladen. Das sehr weinaffine Geburtstagskind hieß viele befreundete Winzer willkommen, die alle äußerst leckere Tropfen mitbrachten, um erlesen zu feiern. Je später der Abend, umso exklusiver die Weine. Es wurde immer mehr ausgeschenkt, die Tropfen wurden immer älter und zum Schluss habe ich auch etwas den Überblick verloren. Doch ich bemerkte zu vorgerückter Stunde, dass einige am Tisch emsig fotografierten. Sie rückten die Flaschen zurecht. Fotografierten sie einzeln. Fotografierten sie in Gruppen. Sortierten neu. Stellten ein Glas hinzu. Sie lächelten dabei. Als sie fertig waren, landeten die vielen Bilder in den sozialen Medien. Wie ich aus gut unterrichteten Kreisen weiß, nennt sich dieses Hobby Bottle-Porn (englisch), übersetzt Flaschen-Pornografie. Ein sehr beliebter Sport bei Weinfreaks.

Zugegeben, meine Zunge war etwas gelockert von den Köstlichkeiten, die ich getrunken hatte, daher fragte ich einen der Winzer: „Warum machst du das? Willst du mit den Flaschen, die du getrunken hast, angeben?“ Immerhin waren einige Kracher dabei: eine Erdener Treppchen Auslese von 1971, ein QbA Ürziger Würzgarten von 1992, eine Wehlener Sonnenuhr Auslese von 1990, eine Spätlese vom Erdener Prälat aus 1997.

Ich hoffte auf Milde angesichts meiner Impertinenz und wurde belohnt. „Nein“, sagte der Winzer freundlich. „Mit Angeberei hat das Ganze nichts zu tun. Ich will nur meine Freude über die köstlichen Weine teilen, die wir getrunken haben und das anderen Weinfreunden mit meinen Fotos mitteilen.“ Nun ja. Eine plausible Erklärung. Für mich bleibt diese Angewohnheit dennoch befremdlich. Wenn ich mich über eine besondere Flasche Wein oder auch zwei oder drei freue und Freunden das mitteilen möchte, rufe ich sie einfach an und sage: „Hi. Habt ihr heute Abend schon was vor? Ich habe einen tollen Tropfen für uns kalt gestellt.“

v.kerl@volksfreund.de