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Verona Kerl sinniert über sensorische Fähigkeiten bei Weinverkostung

Kolumne Auslese : Ich rieche, ich rieche nichts... - Verona Kerl sinniert über sensorische Fähigkeiten bei Weinverkostung

Wer sich noch nie zu einer Online-Weinprobe dazugeschaltet hat, sollte es dringend einmal tun. Ich empfehle sie meinen geneigten Lesern in ihrem eigenen Interesse: Mit den richtigen Freunden an der Seite macht sie einen Heidenspaß.

Kürzlich trafen wir uns an einem Abend zu einer Weißburgunder-Probe in unserer Küche. (Übrigens, war es erst das zweite Mal in diesem Monat, dass ich meinen trockenen Januar, den dry January, unterbrochen habe). Sechs Weine aus unterschiedlichen Anbaugebieten standen zur Verkostung bereit. Um die hochwertigen Tropfen stil­echt zu probieren, hatten wir extra unsere feingeschliffenen Burgundergläser mit dem breiten Kelch aus dem Schrank geholt. Gleich bei Wein Nummer eins schwärmten die Fachleute auf dem Bildschirm von dem Duft und den Aromen. „Rauchig, wunderbar rauchig. Und salzig. Ja. Und würzig.“ Wir schnupperten. Wir schwenkten das Glas. Wir rochen. Nix. Kein Rauch in der Nase, kein Salzgeschmack im Mund. Dabei sind unsere Freunde erfahrene Weinverkoster. Jemand im Chat fragte mich, ob mein Corona-Schnelltest auch negativ war, nachdem ich kundgetan hatte, dass wir diese Aromen nun überhaupt nicht nachvollziehen konnten.

Mit der sogenannten Sensorik ist das nämlich so eine Sache. Sensorik bedeutet, durch Sehen, Riechen und Schmecken die Merkmale eines Weines herauszufinden, zu beschreiben und letztendlich zu beurteilen. Gar nicht einfach. Für Anfänger sogar absolut schwierig, es sei denn, er oder sie ist ein Naturtalent. Was hilft, die sensorischen Fähigkeiten auszubauen, ist Training. Sich mit Winzern oder Gleichgesinnten austauschen und immer wieder probieren. Wer viele Düfte in seinem Gehirn abgespeichert hat, kann diese Nuancen im Weinbukett wiederfinden. Und was es tatsächlich in einem Glas Wein alles zu riechen und zu schmecken gibt, ist sagenhaft: Von exotischen Früchten bis hin zu Blüten, Tabak, Leder, rohem Fleisch, Salz, Waldboden oder gar Katzenpippi....  Das Gedächtnis ist entscheidend. Jemand, der Gerüche und Geschmack regelmäßig trainiert, kann diese umso verlässlicher im Wein erkennen.

Zurück zu unserem Weißburgunder. Einen Tag später probierten wir diesen noch einmal. Das der nach Rauch riechen sollte, ließ uns keine Ruhe. Allerdings nahmen wir dieses Mal ein schlankes, eher hohes Glas. Und da war er: der Geruch von Rauch, ein Weißburgunder mit eindeutig rauchiger Note. Manchmal liegt es eben nicht an der Nase oder der mangelnden Erfahrung  – von einer Coronainfektion ganz zu schweigen – sondern schlicht und ergreifend am Glas. Doch das ist eine andere Geschichte.

v.kerl@volksfreund.de