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Volle Frauenhäuser in Rheinland-Pfalz: Modellprojekt startet in Trier

Gewalt : Volle Frauenhäuser in Rheinland-Pfalz: Wie ein Modellprojekt in Trier helfen soll

Von Gewalt betroffene Frauen finden kaum noch Platz in den rheinland-pfälzischen Schutzeinrichtungen. Auch wegen des angespannten Wohnungsmarktes bleiben die Betroffenen und ihre Kinder länger in den Frauenhäusern. Mit einem Modellprojekt in Trier will das Land diesen Zustand jetzt ändern.

Wenn Frauen Gewalt im häuslichen Kontext erleben, bieten ihnen Frauenhäuser Sicherheit. Doch wer in den 18 Einrichtungen in Rheinland-Pfalz derzeit einen Platz sucht, hat schlechte Karten. Das eigens eingerichtete Ampelsystem für freie Plätze zeigt durchweg rot an. So hat es kürzlich auch Claudia Berlingen wieder erlebt. Sie arbeitet im Trierer Frauenhaus und habe versucht, einen akuten Fall unterzubringen. Doch alle Plätze in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen seien belegt gewesen. Die nächste freie Kapazität: in Darmstadt.

„Es gibt Gewalt in allen Schichten“

Im vergangenen Jahr haben 381 Frauen mit 382 Kindern Schutz in den rheinland-pfälzischen Frauenhäusern gesucht. Insgesamt gibt es rund 300 Plätze. 2020 hat es mehr als 4000 Fälle gegeben, bei denen Frauen nach einem Polizeieinsatz wegen häuslicher Gewalt einer Beratung zugestimmt haben. Experten schätzen eine deutlich höhere Dunkelziffer für Gewalt in engen sozialen Beziehungen. Zu den nicht bekannten Fällen zählen jene, die einer Beratung nicht zustimmen oder gar nicht erst die Polizei alarmieren. „Es gibt Gewalt in allen Schichten, mehr als wir uns vorstellen können und wollen“, sagt Berlingen.

Land gibt 60.000 Euro für Modellprojekt in Trier

Die Landesregierung will von Gewalt betroffene Frauen stärker unterstützen. 60.000 Euro investiert das Familienministerium nun für Personal- und Sachkosten in einem Modellprojekt namens „Second Stage“ - jeweils in Trier und Koblenz. Das hat Familienministerin Katharina Binz (Grüne) am Mittwoch in Mainz angekündigt. Bei dem Projekt sollen Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser die Betroffenen nach dem Auszug aus der Einrichtung aktiv begleiten und ihnen bei der Wohnungs- und Jobsuche helfen. Dafür werden die Frauen vorübergehend in angemieteten Wohnungen untergebracht, bis sie nach etwa sechs Monaten in einer eigenen Wohnung Fuß fassen sollen. Ein bis zwei Objekte stehen an den beiden Standorten für jeweils zwei bis drei Frauen zur Verfügung.

Schlechte Chancen auf dem Wohnungsmarkt

Der Auszug aus dem geschützten Frauenhaus sei oft ein besonders schwieriger Schritt, so Berlingen. Gerade in den ersten Wochen sei der Unterstützungsbedarf extrem hoch. Und der knappe Wohnraum und fehlende Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt können zu einer Rückkehr in alte oder neue Gewaltbeziehungen und dann wiederum zum nächsten Frauenhausaufenthalt führen.

Aufenthaltsdauer hat sich erhöht

Die Frauenhäuser sind aber eigentlich nur für einen vorübergehenden Aufenthalt zum Schutz gedacht. Doch die Aufenthaltsdauer habe sich in den vergangenen Jahren sukzessive erhöht, so Berlingen. Von üblicherweise drei bis sechs Monaten auf mittlerweile bis zu einem Jahr und länger. „Diese Plätze stehen Frauen unter Gefahr dann nicht zur Verfügung.“ Das Land verspricht sich vom Modellprojekt auch eine geringere Aufenthaltsdauer und freie Kapazitäten. Sollte das Modell funktionieren, will Familienministerin Binz die Idee auf weitere Standorte ausweiten.

Land hat zu wenige Plätze für Betroffene

Laut der 2018 beschlossenen Istanbul-Konvention müssen Schutzunterkünfte für Frauen und Kinder in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen. Das Land verfehlte dieses Level bislang. In Trier gibt es etwa nur sieben Plätze, gut vier mehr müssten es eigentlich sein. Derzeit analysiere man genau, wie die Konvention im Land umgesetzt werde und wolle im Herbst Ergebnisse vorlegen, sagt Familienministerin Katarina Binz (Grüne). Seit Jahren gibt die Ampel zwar immer mehr Geld für Frauenhäuser aus, das Platzangebot reicht aber nicht aus.

Weitere Schutzangebote für Kinder

Zusätzlich zum Modellprojekt in Trier und Koblenz baut das Familienministerium das Schutzangebot für Kinder aus. Neben der sogenannten Interventionsstelle in Koblenz sollen drei weitere an den Standorten Betzdorf/Neuwird, Mainz und Ludwigshafen eröffnen. Binz will erreichen, dass der Gewaltkreislauf so früh wie möglich durchbrochen werden kann. „Kinder und Jugendliche, die in gewaltgeprägten Familien leben, laufen Gefahr später als Erwachsene selbst Opfer von Misshandlung und Missbrauch, aber auch selbst Täter oder Täterin zu werden“, so die stellvertretende Ministerpräsidentin. Die Interventionsstellen beraten mit dem Einverständnis der Mutter die bei Gewalt in engen sozialen Beziehungen mitbetroffenen Kinder. Fachpersonal kommt auf die Frauen zu, wenn sie bei einem Polizeieinsatz wegen Gewalt einer Beratung zugestimmt haben.

Hier gibt es Hilfe

Von Gewalt Betroffene finden Hilfe unter www.frauenhaeuser-rheinlandpfalz.de. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist unter 08000 116 016 erreichbar.