| 06:00 Uhr

Spektakuläre Gewaltverbrechen
„Joa,ich woar’s“- Vor 35 Jahren wird in Trier japanische Studentin ermordet

Auf dem Trierer Petrisberg erinnert eine Straße an die getötete Studentin.
Auf dem Trierer Petrisberg erinnert eine Straße an die getötete Studentin. FOTO: Friedemann Vetter
Trier. Vor 35 Jahren wird in Trier die Studentin Mutsuko Ayano ausgeraubt und getötet. Das Gewaltverbrechen macht international Schlagzeilen. Der Täter sitzt immer noch. Von Rolf Seydewitz

Das Verhör dauert schon mehr als zwei Stunden, als Bernd Michels plötzlich bemerkt, dass die Augen seines Gegenübers feucht werden. „Schau mich an, Janusz“, sagt Michels, als der Verdächtige den Kopf nach unten senkt, um dem eindringlichen Blick des Chefs der Trierer Mordkommission zu entgehen, „schau mich an.“ Janusz K. hebt den Kopf und schaut Michels ins Gesicht: „Joa, ich woar’s“, sagt der seit Jahren in Regensburg lebende Pole mit unüberhörbar bayerischem Einschlag.

„Es war, als würde in dem Moment eine Zentnerlast von ihm fallen“, erinnert sich Michels fast 35 Jahre später an den Tag der Vernehmung in einem kleinen Zimmer der Regensburger Kriminalpolizei. Gemeinsam mit einem Kollegen war Michels Ende Januar 1984 an die Donau gefahren, um den Mord an der japanischen Studentin Mutsuko Ayano aufzuklären; ein Gewaltverbrechen, das Trier auch international in die Schlagzeilen gebracht hatte.

Rückblick: An einem Donnerstagvormittag im November 1983 macht sich die 27-jährige Germanistik-Studentin Mutsuko Ayano auf zur Uni. Sie wohnt in der Kurfürstenstraße, von dort führt ein Fußweg hoch auf den Petrisberg zur Universität. Ayano ist erst wenige Minuten unterwegs, als sie auf dem Kreuzweg unterhalb der Kapelle ihrem Mörder begegnet.

Mutsuko Ayano war eine fröhliche, junge Frau. Gegen die brutalen Attacken des Angreifers war sie chancenlos.
Mutsuko Ayano war eine fröhliche, junge Frau. Gegen die brutalen Attacken des Angreifers war sie chancenlos. FOTO: TV / TV-Archiv

Der vorbestrafte Einbrecher Janusz K. ist an diesem späten Vormittag auf der Suche nach Beute, als er auf die japanische Promotionsstudentin trifft. Er will der jungen Frau ihre Tasche entreißen, wie er es in seiner Wahlheimatstadt Regensburg schon ein paar Mal gemacht hat. Es ist eine brutale Masche, weil er den Frauen dabei sein Knie gegen den Kopf rammt. Zwölf Monate hat der Sohn eines polnischen Polizisten deshalb schon gesessen.

Auch Mutsuko Ayano wehrt sich gegen den Angreifer, hält ihre Tasche fest, bis sie – von Janusz’ Knie getroffen – zu Boden stürzt. Immer wieder tritt der Räuber auf den Kopf der wehrlosen Studentin ein. Die Beute: 90 Mark, etwas mehr als 45 Euro.

Der ehemalige Leiter der Trierer Mordkommission, Bernd Michels, zeigt auf einem damals aus dem Polizeihubschrauber gemachten Foto, an welcher Stelle die Studentin überfallen wurde.
Der ehemalige Leiter der Trierer Mordkommission, Bernd Michels, zeigt auf einem damals aus dem Polizeihubschrauber gemachten Foto, an welcher Stelle die Studentin überfallen wurde.

Das bewusstlose Opfer wird um die Mittagszeit von einer Spaziergängerin gefunden. Rettungskräfte bringen Mutsuko Ayano ins Brüderkrankenhaus. Die 27-Jährige hat schwerste Kopfverletzungen, ein Hirnödem, ist nicht mehr ansprechbar. „Sie wird das nicht überleben“, sagen die Ärzte.

„Die Kollegen haben in der Nacht noch Blut gespendet“, erinnert sich der damalige Einsatzleiter Bernd Michels auch 35 Jahre später noch an fast jede Einzelheit des damals weit über die Grenzen der Region hinaus schlagzeilenmachenden Gewaltverbrechens. Mutsukos Eltern werden informiert, zwei Tage später landen sie, aus Osaka kommend, auf dem Frankfurter Flughafen. Nachdem sie bei ihrer Tochter im Krankenhaus waren, wollen sie auch den Ort sehen, an dem ihr Kind von dem unbekannten Täter überfallen worden ist. Am Montag, vier Tage nach dem brutalen Überfall, stirbt Mutsuko Ayano, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.

Ein damals aus dem Polizeihubschrauber gemachtes Foto zeigt die Gegend am Petrisberg, wo die Studentin damals überfallen wurde.
Ein damals aus dem Polizeihubschrauber gemachtes Foto zeigt die Gegend am Petrisberg, wo die Studentin damals überfallen wurde. FOTO: TV / Schramm, Johannes

Der Polizeiapparat läuft derweil auf Hochtouren. Eine Sonderkommission ist eingerichtet. Zentimeter für Zentimeter wird der Tatort nach Spuren abgesucht, Nachbarn, Freunde, Kommilitonen und Professoren der Ermordeten werden befragt, Mutsukos Unterlagen und Fotos gesichtet, mögliche Verbindungen zur französischen Garnison auf dem Petrisberg geprüft. Alles ohne Erfolg. „Ein extrem schwieriger Tatort“, erinnert sich der damalige Chef-Ermittler Bernd Michels. Etwas Hoffnung keimt auf, als eine Trierer Bank sich – wie zuvor von der Polizei aufgefordert – meldet, weil ein Unbekannter japanische Yen in D-Mark umtauschen will. Der etwa 70-jährige Bankkunde wird auf die Polizeidienststelle gebracht und stundenlang vernommen, bis sich herausstellt, dass er mit dem Gewaltverbrechen nichts zu tun haben kann.

Längst macht das Thema nicht nur in Japan Schlagzeilen. „Die vermeintliche Ausländerfeindlichkeit in Deutschland war damals ein dickes Thema“, sagt Bernd Michels. Der Druck auf die Ermittler ist groß. Der japanische Botschafter lässt sich in Trier vom Stand der Dinge informieren, ohne dass dies in der Öffentlichkeit bekanntgemacht wird; der Polizeipräsident schaut jeden Abend noch einmal persönlich beim Soko-Leiter im Büro vorbei, um sich über die Fortschritte bei den Ermittlungen informieren zu lassen. Bernd Michels muss ihn ein ums andere Mal vertrösten.

Ein Mord im 500 Kilometer von Trier entfernten Regensburg bringt die Wende. Am 5. Dezember 1983 wird die Blumenhändlerin Maria Weis nachmittags in ihrem Laden überfallen und ausgeraubt. Der Täter tötet die 68-jährige Geschäftsfrau mit Stiefeltritten gegen den Kopf. Die Beute: 300 Mark, etwa 150 Euro. Janusz K. wird erkannt, stellt sich einen Tag später der Regensburger Polizei. Weil der damals 20-Jährige in den Vernehmungen angibt, in den Monaten zuvor als Schaustellergehilfe unter anderem in Trier gewesen zu sein, wird auch die hiesige Polizei über die Festnahme informiert.

Es ist letztlich der entscheidende Hinweis, um auch den Mordfall Mutsuko Ayano zu klären. Für das braucht es allerdings – mangels anderer Beweise – noch das Geständnis des Tatverdächtigen. Doch Janusz K., der zu der Zeit auch eine Freundin in Trier hat, leugnet in der Vernehmung durch Soko-Chef Bernd Michels und dessen Kollegen Peter Bouzonville zunächst beharrlich, mit der Trierer Tat etwas zu tun zu haben. „Das war doch genau deine Handschrift, hab ich ihm gesagt“, erinnert sich Bernd Michels 35 Jahre später an die damalige Vernehmung, in der er Janusz K. Knie an Knie gegenübersitzt, die Köpfe gerade mal einen knappen Meter voneinander entfernt. „Schau mich an“, sagt Michels immer wieder, bis sein Gegenüber schließlich doch ein Geständnis ablegt: „Joa, ich woar’s!“

Ein gutes Jahr später, am 24. Mai 1985, wird Janusz K. wegen Raubes mit Todesfolge zu neun Jahren Haft verurteilt. Für den Mord an der Regensburger Blumenhändlerin bekommt der gelernte Schlosser lebenslänglich. Der heute 55-Jährige sitzt immer noch in der Justizvollzugsanstalt Straubing ein.

Mutsuko Ayano wurde in Deutschland eingeäschert. Die Urne mit den sterblichen Überresten nahmen ihre Eltern damals mit in die Heimat.

Weitere Teile der Serie über spektakuläre Gewaltverbrechen in der Region Trier:

Teil 1: „Es hat ein paar Sekunden gedauert, bis er tot war“ - Tochter erdrosselt Vater

Teil 2: Ein Mord und keine Leiche in der Eifel - Der Fall des verschwundenen Rentners Walter Klein

Der von dem Trierer Künstler Jupp Zimmer gestaltete Gedenkstein steht an der Stelle auf dem Kreuzweg zum Petrisberg, an der Mutsuko Ayano im November 1983 überfallen wurde. „Sie liebte Deutschland“, ist auf dem Stein zu lesen.
Der von dem Trierer Künstler Jupp Zimmer gestaltete Gedenkstein steht an der Stelle auf dem Kreuzweg zum Petrisberg, an der Mutsuko Ayano im November 1983 überfallen wurde. „Sie liebte Deutschland“, ist auf dem Stein zu lesen.