Vor zehn Jahren in Wittlich-Lüxem: Der gewaltsame Tod eines Schäfers

Kostenpflichtiger Inhalt: Serie: Spektakuläre Verbrechen : Vor zehn Jahren in Wittlich-Lüxem: Der gewaltsame Tod eines Schäfers

Der Streit um einen angeblichen Diebstahl kostete vor zehn Jahren einen 78-jährigen Mann das Leben. Mit dem Täter wohnte er unter einem Dach.

Schon nach dem ersten Hieb auf den Hinterkopf ist der Schäfer kampfunfähig. Der Täter schlägt mit dem 60 Zentimeter langen Kantholz noch fünf weitere Mal zu – „mit voller Wucht und großem Kraftaufwand“, heißt es später in der Anklageschrift. Der 78-jährige Schäfer hat keine Chance. Er erliegt noch vor Ort seinen schweren Kopfverletzungen.

Die Leiche des alleine in einer zum Wohnhaus umfunktionierten Gaststätte in Wittlich-Lüxem lebenden Mannes wird erst einige Tage später entdeckt. Nachbarn hatten sich zuvor gewundert, dass die Hunde des Schäfers ständig jaulten.

Die Chronologie des Verbrechens auf einer Karte. Foto: TV/Schramm, Johannes

Der Trierer Mordermittler Dirk Finkler ist an diesem Mittwoch Ende August 2009 einer der Polizisten am Tatort. Zwei Kollegen sind noch dabei und Staatsanwalt Manfred Stemper. Das Haus des Schäfers, die ehemalige Waldschenke, liegt in einer Spielstraße am Lüxemer Ortsrand. Noch zehn Jahre später erinnert sich Finkler an den heruntergekommenen Eindruck, den das Anwesen auf die Ermittler machte: „Das Haus sah aus wie eine Bruchbude, auf dem Hof lagen tote Ratten, die hygienischen Zustände waren wirklich übel.“

Die Leiche des Schäfers liegt in einer Blutlache im Flur. Unter dem Opfer liegt eine Dachlatte. Wurde der 78-Jährige damit erschlagen?

Der Verdacht fällt rasch auf einen 27-jährigen Mann, der nach Schilderungen von Nachbarn als Helfer im Haus des Getöteten gewohnt haben soll. Doch von ihm fehlt jede Spur. Zwischen den beiden gab es  in der Vergangenheit schon einmal Streit. Der ursprünglich aus Brandenburg stammende junge Mann hatte dem Schäfer einige Zeit zuvor 5000 Euro gestohlen, wurde erwischt und saß dafür einige Monate hinter schwedischen Gardinen.

Als er aus dem Gefängnis entlassen wurde, bot der Schäfer dem jungen Mann an, bei ihm zu wohnen und das gestohlene Geld abzuarbeiten. Sven R. musste sich zunächst mit einem Raum im Keller begnügen. „Da hätte ich keinen Hund eingesperrt“, erinnert sich Ermittler Dirk Finkler. Später erlaubte der im Ort als Eigenbrötler geltende Schäfer seinem „Untermieter“, ein Zimmer im oberen Stockwerk zu beziehen.

Kriminalhauptkommissar Dirk Finkler sagt: „Das Haus sah aus wie eine Bruchbude, auf dem Hof lagen tote Ratten, die hygienischen Zustände waren wirklich übel.“. Foto: TV/Rolf Seydewitz

Das Verhältnis der beiden Männer beschreibt die Verteidigerin des 27-Jährigen später als „eine Art Leibeigenschaft“, wie der Ältere den Jüngeren behandelt habe.

Eines Tages vermisst der Schäfer wieder Geld. Um die 500 Euro sind angeblich spurlos verschwunden, und sein Verdacht fällt natürlich direkt auf seinen Helfer, der schließlich schon einmal wegen Diebstahls aufgefallen war. „Er hat mir Geld geklaut, ich regel das selbst mit ihm“, soll er einem Bekannten gesagt haben. Ein Vorhaben, das böse enden sollte.

Das Haus in Wittlich-Lüxem, in dem die Tat geschah. Foto: "g_pol3" <g_pol32@volksfreund.de

Jetzt wird der Helfer überall gesucht. Auch vom Geländewagen des getöteten Schäfers fehlt jede Spur. Die Überwachungskamera einer Tankstelle in Brandenburg hält das Autokennzeichen fest, weil der Fahrer, ohne zu zahlen, davonbraust. Es ist für die Trierer Mordermittler eine heiße Spur. Sie fahren Richtung Brandenburg, weil sie gehört haben, dass Sven R. dort den gestohlenen Nissan verkaufen will. Unterwegs erhalten sie die Nachricht, dass der Gesuchte inzwischen bei einem Bekannten in der Nähe von Diez festgenommen worden ist.

„Wir sind dann von Brandenburg aus dahin und haben ihn mit nach Trier genommen“, sagt Mord-
ermittler Dirk Finkler. Die Tat gesteht der 27-Jährige nicht; nur dass er dem Schäfer das Auto gestohlen hat, räumt er ein.

Der mit Handschellen gefesselte Angeklagte neben seiner Anwältin Martha Schwiering. Foto: friedemann vetter (ve.), friedemann Vetter

Ein halbes Jahr später beginnt vor dem Trierer Landgericht der Prozess gegen den bis dato nur wegen Diebstählen vorbestraften mutmaßlichen Gewaltverbrecher. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 27-Jährigen Mord aus Habgier vor.

Nach nicht einmal einer Viertelstunde ist der erste Prozesstag auch schon wieder vorüber. Der Angeklagte sitzt neben seiner Verteidigerin Martha Schwiering und schweigt zu den Vorwürfen.

Die überraschende Wende folgt Ende Mai 2010. Die Anwältin des Angeklagten verliest im Namen ihres Mandanten ein zweiseitiges Geständnis von Sven R., dessen Mutter und Schwester den Prozess im Gerichtssaal verfolgen. Darin räumt er ein, den Wittlicher Schäfer mit einem Kantholz erschlagen zu haben. Zuvor soll der 78-Jährige ihn aber noch wüst beschimpft und bedroht haben. Zudem habe der Schäfer versucht, ihn mit einer Holzlatte zu schlagen. Dagegen habe er sich mit dem Kantholz gewehrt.

Das Kantholz, mit dem der Schäfer erschlagen wurde. Foto: TV/Polizei

Das Holzstück finden die Ermittler einige Wochen später tatsächlich – wie von Sven R. angegeben – in einem Waldstück zwischen Eckfeld und Brockscheid in der Vulkaneifel. „Ich würde es rückgängig machen, wenn ich es könnte“, sagt der Angeklagte am letzten Prozesstag, kurz bevor die Vorsitzende Richterin Petra Schmitz das Urteil verkündet: 13 Jahre Haft wegen Totschlags mit anschließender Sicherungsverwahrung lautet am 12. August 2010 das Urteil für Sven R. „Er wollte sich von seinen Zahlungsverpflichungen und vom ständigen Druck befreien“, sagte Schmitz in ihrer Urteilsbegründung.

Vor 10 Jahren: Mord an einem Schäfer in Wittlich-Lüxem

Die von der Verteidigerin eingelegte Revision gegen das Urteil war teilweise erfolgreich. Im Februar 2012 bestätigte der Bundesgerichtshof zwar die 13 Jahre Haft, hob allerdings die Sicherungsverwahrung auf. Damit muss der heute 37-Jährige nach Verbüßung seiner Gefängnisstrafe nicht noch auf unabsehbare Zeit weiter in Haft bleiben. Derzeit aber sitzt er weiter im Gefängnis.

Mehr von Volksfreund