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"Alles schreit und betet nach Frieden"

"Alles schreit und betet nach Frieden"

KELBERG. Am 16. Januar 1945 erlebte Kelberg den wohl schrecklichsten Tag in seiner 1000-jährigen Geschichte. Rund 300 schwere Bomben wurden auf das Dorf geworfen, 15 Zivilisten und 40 Soldaten kamen ums Leben, mehr als 20 Häuser wurden zerstört oder schwer beschädigt. Am morgigen Sonntag, dem 60. Jahrestag, gibt es eine Gedenkveranstaltung.

Die ersten Bombenabwürfe am 23. Dezember 1944 hatten "nur" Sachschäden verursacht. Vier Tage später starben bei einem Angriff im Hof ihres Hauses am Marktplatz Nikolaus Koch (50) und seine 17-jährige Tochter Theresia. Die Ehefrau und Mutter Maria Koch sowie die jüngste Tochter Mechthild wurden schwer verletzt, die weiteren Kinder Johannes und Maria blieben unversehrt. "Seit dieser Zeit ist große Panik in der Gemeinde bei Überflügen, besonders bei Tiefflügen und Jagdbombern", trägt der damalige Pfarrer Johannes Winandy am 11. Januar 1945 in die Pfarrchronik ein. Er ergänzt: "Alles schreit und betet nach Frieden." Gegen 1 Uhr am 16. Januar 1945 setzt ein Angriff von schrecklichem Ausmaß ein. Bis 2.30 Uhr fliegt Verband um Verband Kelberg an und wirft mehrere hundert schwere Bomben ab. "Kelberg ist im Herzen zerstört, ein furchtbarer Anblick", wird der Pfarrer später in die Chronik schreiben. 55 Menschen sterben, darunter 15 Zivilisten. Die Soldaten sind auf dem Ehrenfriedhof auf dem Schwarzenberg beerdigt. Die Bombenopfer der Pfarrei seien "zwischen Tag und Dunkel ... unter Lebensgefahr in tief durchfrorener Erde endlich am 22. Januar und am 7. Februar" beerdigt worden, meldet der Chronist.Tote Tiere und Trümmerberge

Heinz Werner Schomisch ist mit fünf Jahren das jüngste Opfer, der Förstersohn Helmut Brust stirbt im alter von zehn Jahren. Die Geschwister Hildegard und Christian Stephani wollen aus dem Dorf hinauslaufen, als ein Bombenabwurf ihrer Flucht ein Ende bereitet. Die 22-jährige Hildegard wird in der heutigen Vinzenziusstraße tot gefunden, ihr 38-jähriger Bruder erst nach mehr als zwei Jahren in unmittelbarer Nähe - verschüttet. Ihr Leben verlieren auch Anna Bastges, Heinrich Josef Koll, Maria Magdalena Koll, Anton Marx, Maria Schmitt, Maria Schlags, Maria Josefine Pauly, Rudolf Erwin Schneweis, Heinrich Hilger, Berta Hilger und Hedwig Hilger. Mehr als 20 Häuser werden zerstört, darunter die erst 1932 eröffnete Schule sowie mehrere zentral gelegene Hotels, Gaststätten und Geschäfte. Und doch hätte es noch schlimmer kommen können. "Der größte Teil der Bomben fiel auf Wiesen und Felder, sonst wäre kein Mensch und kein Haus in Kelberg übrig geblieben", heißt es in der Pfarrchronik, die auch von den Schäden an der Pfarrkirche berichtet: Löcher im Dach und in sämtlichen Fenstern, völlige Zerstörung des Chorraums mit Hauptaltar, Festtagsschmuck und Weihnachtskrippe sowie des Heizungskellers. Die Erstkommunion fällt 1945 aus - "auf Wunsch vieler Mütter, die den Gatten bis nächstes Jahr daheim glaubten", heißt es in der Chronik. Maria Reuter ist eine der wenigen noch lebenden Zeitzeugen. Sie sitzt mit ihrer Mutter beim Mittagessen, als der Angriff beginnt. "Die Bomben waren das Schlimmste am ganzen Krieg", sagt die 80-Jährige heute. Es sei schrecklich gewesen, als die Bombeneinschläge so nah zu hören waren und Brocken von außen gegen die Kellertür polterten. Das erste Bild, das sich ihr beim Herauskommen aus dem Keller bietet, hat Maria Reuter bis heute nicht vergessen: tote Tiere und Trümmerberge. Sie versteckt sich zunächst wie die anderen Überlebenden im "Fichtenwäldchen" und kommt dann bei Verwandten unter. Anlässlich des 60. Jahrestags gibt es am Sonntag, 16. Januar, eine Gedenkfeier. Sie beginnt um 18 Uhr in der Oberen Marktstraße, wird mit einer Lichterprozession zur Kirche fortgesetzt und findet dort mit einem Friedensgebet ihren Abschluss. In der Pfarrkirche werden in einer Ausstellung Fotos und Auszüge aus der Chronik gezeigt. Bei der Gedenkfeier werden Geldspenden für Flutopfer in Sri Lanka gesammelt. Quellen: Pfarrchronik Band I, 1944-45; Alois Mayer, Erich Mertes: Geschichte, Kultur und Literatur der Verbandsgemeinde Kelberg (1993).