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Allscheid und das "Freese-Männtjen"

Allscheid und das "Freese-Männtjen"

Ein Ort, der nicht mehr existiert und eine Heiligenfigur, die vielleicht jemand ganz anderen darstellt: Die Geschichte des "Freese-Männtjen von Allscheid".

Allscheid. Allscheid - dieses Dorf existiert nicht mehr, es ist verschwunden. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts stand es noch am Bachlauf der jungen Alf, zwischen den Dörfern Darscheid und Steiningen.
1852 wanderten über 50 Menschen nach Amerika aus, um Armut, Not und Hunger zu entgehen und in Übersee einen Neuanfang zu wagen. Ein Jahr später ließ das Nachbardorf Steiningen die wenigen armseligen Häuser Allscheids abreißen, um so Acker- und Wiesenflächen zu gewinnen.
Nur die kleine Dorfkapelle blieb stehen. Sie verfiel jedoch in den kommenden Jahren. 1877 wurde sie nur wenige hundert Meter vom ursprünglichen Kapellenstandort neu erbaut. Wie ihre Vorgängerin wurde auch diese Kapelle dem heiligen Erasmus geweiht.
In der Kapelle wird bis heute das "Freese-Männtjen von Allscheid" verehrt. Erasmus galt im weiten Umkreis bei Müttern als wichtiger Nothelfer: Sie zogen mit ihren pocken- und rötelnkranken Kindern zu dieser Kapelle, hauptsächlich aber, wenn diese an Milchschorf litten - also am namengebenden Fresem, Fräsem oder Freeßem. Die Mütter füllten Getreide in das Holzkästchen unter der Erasmusstatue und flehten um Hilfe. Häufig wurde nach dem Beten eines Vaterunsers ein Spruch angefügt, der an eine Zauberformel aus heidnischer Zeit erinnert: "Dieser Fresem ziehe nicht in den Weizen, nicht ins Fleisch und nicht ins Blut."
Der Sage zufolge hat man ein Bild des heiligen Erasmus in einem hohlen Baum bei Cochem gefunden. Dieses Gemälde wurde 1755 entfernt und durch eine Holzfigur des Heiligen ersetzt. Diese wurde jedoch leider gestohlen.
Christus statt Erasmus

Allscheid und das "Freese-Männtjen"
Foto: (e_daun )


Eine hölzerne Ersatzfigur wurde beschafft, die heute an der linken Chorwand der Pfarrkirche zu Mehren zu sehen ist. Bisher war man der Meinung, die Figur stelle den heiligen Erasmus dar. Doch eine andere Auffassung hat sich mittlerweile durchgesetzt. Pfarrer Carsten Rupp aus Gillenfeld: "Ja, sie wird ‚Freese-Männtjen‘ genannt, aber es ist wohl eine Christusfigur."
In den 1970er Jahren beauftragte der pensionierte Lehrer Hubert Bohr, der aus Boverath stammte und Verwandte in Steineberg hatte, den Dauner Maler Otto Schwoll, in die nun leere Nische ein Bild des heiligen Erasmus hinein zu zeichnen.
Dort pflegen heute noch einige Mütter den "Freese-Männtjen"-Brauch. Adolf Scheid aus Steiningen, der Jahrzehnte lang die Allscheider Kapelle betreute, berichtet: "Dereinst schenkten Mütter so viel Korn, wie in das Mützchen des erkrankten Kindes hineinpasste. Und noch heute findet man unter dem Erasmusbild gespendete Kinderkleidung. Am Ende des Jahres verbrenne ich diese aber, denn sie könnte ja mit einer ansteckenden Krankheit behaftet sein."
Geopfertes Geld wird zur Erhaltung der Allscheider Kapelle verwendet. Zu Ehren des heiligen Erasmus wird auch jährlich am 22. September in der Kirche zu Steiningen eine Dankmesse gelesen, im Anliegen all der Mütter, die Hilfe für ihre Kinder erlangten. Und dazu ruft auch ein kleines Glöckchen, das noch aus der ursprünglichen Kapelle des untergegangenen Dorfes Allscheid stammt. avi