Antike Mautstation für römische Reisende?

Nettersheim · Römerstraßen verlaufen meist schnurgerade. Römer bauten ihre Befestigungen immer viereckig. Römer-Festungen liegen immer neben der Straße. Dass es nicht immer so ist, haben Ausgrabungen am Steinrütsch in Nettersheim (Kreis Euskirchen) gezeigt. Dort soll ab 2014 ein Landschaftspark entstehen.

 Dort verlief die Römerstraße: Imke Ristow (von rechts), Jürgen Kunow, Bürgermeister Wilfried Pracht, Heinz Günter Horn und Petra Tutlies stehen an einem der Südtürme. Foto: Ronald Larmann

Dort verlief die Römerstraße: Imke Ristow (von rechts), Jürgen Kunow, Bürgermeister Wilfried Pracht, Heinz Günter Horn und Petra Tutlies stehen an einem der Südtürme. Foto: Ronald Larmann

Nettersheim. Römerstraßen verlaufen meist schnurgerade. Römer bauten ihre Befestigungen immer viereckig. Römer-Festungen liegen immer neben der Straße. Klischees sind gefährlich. Denn sie können zu falschen Schlüssen führen. "Wenn wir die Grabungen in diesem Jahr nicht durchgeführt hätten, hätten wir einen großen Fehler begangen", sagt Dr. Imke Ristow. Die Archäologin im Dienste der Gemeinde Nettersheim und ihre Kollegen waren nämlich zunächst davon ausgegangen, dass die spätantike Befestigungsanlage im Steinrütsch bei Nettersheim von den Nord- und Südtürmen ausgehend einen quadratischen Grundriss hatte. Doch die jüngsten Ausgrabungen, die mit sechs Wochen sehr lang und die bisher umfangreichsten gewesen seien, hätten anderes zutage treten lassen.
Mauer deutet Grundriss an


"Die Grundfläche ist vieleckig", sagt Ristow. So gehe die Mauer von einem der Südtürme schräg weg, um dann erneut abzuknicken. Durch die Ausgrabungen kann das Bauwerk nun mit dem richtigen Grundriss angedeutet werden. "Wir errichten dazu eine 60 bis 100 Zentimeter hohe und 80 Zentimeter breite Trockenmauer", sagt Ristow. Mitarbeiter der Firma Hansen haben bereits die ersten Steine für die Nord- und Südtürme gesetzt, so dass sich die Dimensionen erahnen lassen. Rund 40 mal 40 Meter misst die Anlage am Steinrütsch insgesamt. "Sie wurde über der Straße als Sperrbauwerk errichtet", erklärt Professor Dr. Heinz Günter Horn.
Eine antike Mautstation? Das sei denkbar, der Zweck müsse aber noch ergründet werden. "Eine solche Art der Befestigung war uns bislang unbekannt", sagt Horn. Verwundert waren die Experten auch darüber, dass die Römerstraße von der Befestigungsanlage im Steinrütsch nicht schnurgerade zur Tempelanlage Görresburg verläuft, sondern zweimal verschwenkt ist.
Für einen solchen Erkenntnisgewinn sind Grabungen da. So konnten die Archäologen einen dicken Holzpfosten aus dem Boden holen, der Teil einer Holzbrücke über die Urft war. "Solch eine Brücke wollen wir originalgetreu aufbauen", sagt Nettersheims Bürgermeister Wilfried Pracht, der hofft, dass die Archäologen noch so lange graben, "bis wir alles wissen".
Siedlung aus erstem Jahrhundert


Was schon alles bekannt ist, verdeutlicht Imke Ristow. So habe die Besiedlung im ersten Jahrhundert nach Christus begonnen. "Wir haben Funde gemacht, die das belegen", sagt Ristow. Rund um die Befestigungsanlage sei über einen längeren Zeitraum hinweg Eisenverhüttung betrieben worden. Ristow: "Wenn man hier mit einem Metalldetektor her läuft, piepst der unentwegt." Das liege an der Schlacke, die als Abfallprodukt aus den Brennöfen gelaufen sei und sich überall im Boden befinde.
Auch Landwirtschaft sei betrieben worden, ergänzt Horn. Terrassen in einem angrenzenden Hügel seien ein Beleg dafür. Horn unterstreicht zudem die Bedeutung des Ortes, den die Archäologen inzwischen mit dem Namen "Marcomagus" verbinden. Dieser Name tauche in einer Weltkarte der Römer auf, was dafür spreche, dass es eine bedeutende Siedlung gewesen sei.
Neben der Befestigungsanlage als Hauptpunkt wird für den archäologischen Landschaftspark auch die "Alte Gasse" unterhalb der Tempelanlage erlebbar gemacht. An der habe es eine dichte Bebauung mit Streifenhäusern gegeben, sagt Ristow: "Vermutlich sogar zweireihig." Eines dieser Häuser werde im Detail ausgearbeitet. Die Besucher sollen hier den Grundriss und auch originale Befunde sehen können. Im Mai 2014 soll der Landschaftspark eröffnet werden - nicht als statisches Gebilde, sondern als Park, der sich entwickelt. Professor Dr. Jürgen Kunow vom Landschaftsverband Rheinland, Amt für Bodendenkmalpflege: "So können Besucher immer wieder hier herkommen, weil immer etwas Neues zu sehen sein wird."